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A Wilhelm Scream (Interview Januar 2006)



'Wilhelm Scream' bezeichnet einen zumeist im Film verwendeten Soundeffekt, ein kaum wahrnehmbares Klischee. A WILHELM SCREAM aus Massachusetts haben für Klischees nichts übrig, wohl aber für abseitigen Humor. Unter dem Namen SMACKIN' ISAIAH – was umgangssprachlich den Akt des Masturbierens umschreibt – bereits 1993 gegründet, entschied man sich 2002 zur Umbenennung. Zwei Jahre später wurde mit dem Vertragsabschluss bei 'Nitro Records' der endgültige Grundstein für die aktuelle Entwicklung gelegt. Durch seinen jüngsten, insgesamt vierten Langspieler „Ruiner“ erreicht der Fünfer mit dieser packenden Mischung aus Hardcore und Punk auch bei uns einen Grad steigender Bekanntheit. Im Vorprogramm von LAGWAGON bereisen A WILHELM SCREAM erstmals Europa. Aus diesem Anlass sprachen wir in Berlin mit Sänger Nuno Pereira und Gitarrist Trevor Reilly.

Der Bandbereich des Kreuzberger SO 36 ist beengt, aber freundlich. Im Vorzimmer, einem gelb gestrichenen Raum, an dessen Wänden sich zahllose Bands und Künstler verewigt haben, sitzt Frontmann Nuno auf einer Holzbank. Wie Drummer Nick Angelini widmet er sich seiner tragbaren Playstation. Überall liegen Jacken verstreut, stehen Kaffeebecher herum. Wir schütteln uns die Hand, warten auf Trevor und reden über das Konzert in Köln. Nuno erzählt vom Diebstahl seines Asthma-Sprays und zeigt – auch mit Dank an Christian, der ihn in der Domstadt ins Krankenhaus begleitete – die Ersatzkartusche. Aus dem unmittelbar an den ersten Raum anknüpfenden Hinterzimmer dröhnt lautstarkes Gelächter. LAGWAGON geben wortreich Anekdoten zum Besten. Wir beginnen unser Gespräch und reden über die Tour. Nach einer Woche in Europa hat die Band fünf verschiedene Länder bereist. Bei der Eile bleibt nur wenig Zeit für touristische Aktivitäten. Aspekte, die beide bei späteren Visiten nachholen möchten. Dessen ungeachtet empfinden sie den Support für LAGWAGON als Segen. „Jeden Abend gehen wir mit dem Gefühl auf die Bühne die Kids im Publikum überzeugen zu müssen. Es ist aufregend das zu erleben“, sagt Nuno und berichtet von ihrem Gig in London, wo speziell für diese Show Fans aus Spanien und Schottland angereist waren. Die Reaktionen seien überaus positiv und das Entgegenkommen freundschaftlich. Selbiges gilt im übrigen auch für die Resonanzen auf ihr Album „Ruiner“, ohne das, wie Trevor betont, A WILHELM SCREAM kaum die Möglichkeit gehabt hätten Europa zu besuchen.

Heraus sticht immer wieder ihr Sinn für Humor, der sich nicht nur in den ironisch überspitzten Texten widerspiegelt. „Ein großer Teil resultiert daher, dass wir ganz normale Typen sind... alleine... in unseren Schlafzimmern. Trevor ist ein großartiger Schreiber. Er hat seinen Abschluss in Englisch und Film gemacht und interessierte sich früher sehr für Comics. Daher ist sein Ausdruck und seine Sicht der Dinge sehr lebendig.“ Nunos Ausführungen fügt Trevor selbst eine Frage an, nämlich ob wir als Deutsche „The Tin Drum“ – Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“ – kennen und beschreibt ihn als „Nazi-German-Circus-Midget-Child-Porn“. Zumindest schön zu sehen, dass Oscar-prämiertes Teutonenkino seine Wirkung auch nach mehr als zwanzig Jahren nicht verloren hat. Ein Indiz für die ironische Grundierung ist auch der Name A WILHELM SCREAM. „Du gehst nicht einfach hin und nennst deine Band 'Punk Rock Dudes' oder 'Desperate Every Sunday November Morning' wie viele dieser Lame-Ass-Emo-Bands. Auf diese Weise zwingst du die Leute sich mit deinem Namen und deiner Band auseinander zu setzen“, illustriert Nuno und fügt wiederholt an, wie sehr ihn der alte Name angekotzt habe. Nicht zuletzt, weil er einst von den anderen Bandmitgliedern zugunsten von SMACKIN' ISAIAH überstimmt wurde. Zwischendurch, wenn das Gelächter im Nebenraum verebbt, stattet uns LAGWAGON-Gitarrist Chris – der neben seiner stattlichen Größe vor allem durch die erschreckend lange Mähne auffällt – einen Besuch ab und kommentiert die Antworten unserer Gesprächspartner.

Obwohl vom Erfolg der aktuellen Platte selbst überrascht, strahlen Nuno und Trevor spürbare Souveränität aus. Ihre Musik macht ihnen Freude, die musikalische Entwicklung gibt ihnen Recht. „Als Band bist du nicht darauf bedacht immer die gleichen Songs zu schreiben und immer die gleichen Alben zu machen. Heute ist es so, dass ich bestimmte Songs älterer Alben, mit denen ich früher Probleme hatte, ohne Schwierigkeiten spielen kann. Mit manchen Songs auf „Ruiner“ verhält es sich ganz ähnlich .Würdest du mich jetzt mit in die Zukunft nehmen und sagen 'Hey, das hier ist deine nächste Platte' würde ich sagen, dass ich vieles von dem Scheiß nicht spielen kann. Als Musiker musst du auf eine Weiterentwicklung bedacht sein, sonst wird es einfach schnell langweilig“, äußert Trevor und schließt formelhaftes Instrumentieren zugunsten kommerziellen Erfolges für sich kategorisch aus. „Wenn es mir darum gegangen wäre viel Geld zu verdienen wäre ich Computer-Programmierer geworden. Das was wir heute haben ist genau das, wovon ich mit 14 oder 15 Jahren geträumt habe. Ein Plattenvertrag, auf Tour gehen. Wenn ich 10 Millionen Dollar hätte und müsste nie wieder Musik machen, ich würde mich leer fühlen. Nun ist es aber so, dass ich keine 10 Millionen Dollar habe, Musik mache und mich nicht leer fühle. Auf Tour erleben wir verschiedene Länder und lernen viele Leute aus diesen verschiedenen Ländern kennen. Nach meinem Verständnis ist genau das ein Höchstmaß an Erfolg.“

Zur Frage der Einbringung politischer Einflüsse in ihre Musik vertreten A WILHELM SCREAM eine klare Meinung: „Wir alle haben unsere politischen Ansichten, transportieren diese aber nicht in unserer Musik. Wir müssen damit leben, dass Amerika in weiten Teilen der Welt keinen guten Stand hat. Und es gibt niemanden, weder im mittleren Osten, noch in Asien, der George W. Bush mehr hasst als ich. Trotzdem würde ich keinen Song darüber schreiben. Wir halten unsere Meinungen und unsere Musik getrennt. PROPAGANDHI zum Beispiel können das und machen ihre Sache verdammt gut. Ich kenne niemanden der seine politische Meinung so konsequent nach außen trägt wie sie. Und da gehört eine Menge Mut zu. PROPAGANDHI werden hart angegangen wegen ihrer Ansichten, aber sie stehen dazu und scheißen auf den Rest. Ich bewundere das. Im übrigen aber auch Fat Mike, über den sich PROPAGANDHI im Zusammenhang mit seinem politischem Engagement zugunsten John Kerrys negativ geäußert haben und der ihr Album trotzdem herausgebracht hat.“ Diesem Statement lässt Trevor eine theoretische Abhandlung folgen, nach der George W. Bush Behindert sei, weil er nicht Lesen kann und kehrt dann zu seiner eigentlichen Ausführung zurück. „Das Problem besteht darin, dass es ein leichtes ist auf den politischen Zug aufzuspringen. Nur änderst du damit nichts in den Köpfen der Leute. Wir beschäftigen uns lieber mit persönlichen Dingen, sehen die Musik mehr als Katharsis. Viele Menschen haben mit ihrem eigenen Leben zu kämpfen, weit mehr als mit den Belangen ihrer Regierung.“ Nach Vollendung seines flammenden Plädoyers verweist Trevor stolz auf den Umstand, dass ihm damit wohl die längste Antwort auf eine kurze Frage geglückt ist, die man sich vorstellen könne. Entsprechend kurz fällt daraufhin seine Beschreibung des Stils von A WILHELM SCREAM aus: „Badass“. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

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