Der Leuchtturm (USA/GB/BRA 2019)

Wer sich im zeitgenössischen Kino nach der Abkehr vom konventionellen Horror sehnt, liegt bei den Produktionen von A24 genau richtig. Binnen weniger Jahre hat sich die Marke zur festen Instanz in Sachen kunstvollem Schrecken entwickelt. Maßgeblich dazu beigetragen hat Auteur Ari Aster, der mit „Hereditary“ (2018) und „Midsommar“ (2019) viel beachtete – und ebenso polarisierende –Arthouse-Schocker kreierte. Deren verstörende Ader wohnt auch „Der Leuchtturm“ inne, ein reduziertes Zwei-Personen-Stück mit Willem Dafoe („Antichrist“) und dem einmal mehr famos gegen die „Twilight“-Vergangenheit anspielenden Robert Pattinson.

Die Besonderheit der Inszenierung – die Regie verantwortete Robert Eggers („The Northman“), der mit Bruder Max auch das Drehbuch ersann – liegt in der schwarz-weißen Farbgebung. Sie begünstigt einen Stil, der sich visuell eng an die Stummfilmära anlehnt. Die Kamera bleibt gern eng bei den Hauptfiguren, die im späten 19. Jahrhundert auf einer kleinen Insel vor der US-Ostküste, abgeschnitten vom Rest der Welt, Dienst in einem Leuchtturm verrichten. Die gern suggestiven Bilder, die durch das untypische 4:3-Format einen zusätzlich anachronistischen Hauch erhalten, entwickeln im Zusammenspiel mit den Toneffekten und der sparsamen Musik Mark Korvens („The Witch“) einen hypnotischen Sog.

Dass sich der Horror über Motive von H. P. Lovecraft und Anlehnungen u. a. an Stanley Kubriks „The Shining“ (1980) oder David Lynchs „Eraserhead“ (1977) nur zögerlich aus der eng gesteckten Prämisse schält, zahlt erheblich auf die Wirkung des von Hollywood-Veteran Chris Columbus („Kevin allein zu Haus“) produzierten Gesamtwerks ein. Einen Monat dauert die Dienstzeit der beiden Leuchtturmwärter. Dann erfolgt die Ablösung. Thomas Wake (Dafoe) ist der ungeniert furzende Veteran, ein alternder Seebär, der dem Ozean ob seines Humpelbeins allein auf diese Weise treu bleiben kann. Dem jungen Ephraim Winslow (Pattinson) begegnet er mit Strenge. Und einer gewissen Abweisung. Während der Novize Hausmeistertätigkeiten zu erledigen hat, obliegt allein Thomas der nächtliche Dienst am Orientierungslicht.

Um sein Auskommen nicht zu gefährden, erträgt Ephraim die Schikanen. Als das Ende des gemeinsamen Einsatzes näher rückt, mehren sich unheimliche Eindrücke und Begebenheiten, die ihn allmählich an seinem Verstand zweifeln lassen. Mit Schock-orientiertem Fast-Food-Horror ist Eggers eigensinnige Mystery-Mär zu keiner Zeit in Einklang zu bringen. Die observierende Kamera folgt vorrangig Ephraim bei der täglichen Arbeit, die ihn bei Wind und Wetter Kohle mit der Schubkarre befördern oder die Zisterne säubern lässt. Dabei wird er von aufdringlichen Möwen belästigt, die Thomas jedoch als unbedingt schützenswert erachtet – schließlich wohnen in ihnen die Seelen auf dem Meer verstorbener Seeleute.

Lange belässt es Eggers bei vagen Andeutungen oder scheinbaren Halluzinationen, lässt Ephraim aufgestauten Frust an einer Möwe ablassen und seltsames erleben, als er Thomas bei Nacht in der Spitze des Leuchtturms beobachtet. Greifbarer wird das Unheil erst, als ein schwerer Sturm aufzieht und die ersehnte Ablösung auf unbestimmte Zeit hinauszögert. In dieser Extremsituation hilft wenig, dass sich die beiden Männer zunehmend nur noch im Suff ertragen. Dabei kommen neben einem düsteren Geheimnis aus Ephraims Vergangenheit weitere Aspekte auf, die es am infernalischen Ende herausfordernd gestalten, Wahrheit von Schreckensvision zu unterscheiden. Seinem Ruf macht die Marke A24 damit alle Ehre.

Wertung: 7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

scroll to top