Silver City (USA 2004)

silver-cityJohn Sayles ist Hollywoods unerschütterlicher Pol der Ruhe. Wo die Überbietungslogik der Blockbuster immer ausgefeiltere Effektbombardements verlangt, füllt er seine Filme mit Dialogen. Die Drehbücher schreibt er selbst. Und wenn er gerade dabei ist, erledigt er auch den Endschnitt. So war es, so bleibt es. Ganz fern ist ihm die reine Unterhaltung jedoch nicht. So schrieb er die Vorlagen zu „Der Horror-Alligator“ und „Piranha“, dem Dolph Lundgren-Vehikel „Men of War“ und dem aktuell in der Vorbereitung begriffenen vierten Teil der „Jurassic Park“-Saga. Aber derlei Projekte unterliegen nur auf dem Papier seinem Einfluss. Anders verhält es sich mit Werken kompletter Eigenverantwortung. Dort ist Sayles sein eigener Herr.

Das zeigt auch „Silver City“, den er ganz im Stile von „Matewan“ oder „Lone Star“ unter völligem Verzicht auf Tempo und vordergründiger Spannung inszenierte. Seine Wirkung verliert der kluge Angriff auf Politpropaganda darüber nicht. Vor allem dann nicht, wenn man ihn vor dem Hintergrund der amerikanischen Präsidentschaftswahlen von 2004 betrachtet. Im Vorfeld von Gegnern des auch nachhaltig amtierenden Machthabers George W. Bush gefördert, verschwand der Film nach der Wiederwahl des Republikaners in der Versenkung. Die Parallelen zwischen Bush und der filmischen Hauptfigur Dickie Pilager bleiben offenkundig. Ebenso ihre Maßnahmen.

Pilager, gespielt von Sayles langjährigem Weggefährten Chris Cooper („American Beauty“), ist Gouverneursanwärter im Staate Colorado. Seine rhetorischen Fähigkeiten sind eingeschränkt, der Ruf des Vaters (Michael Murphy, „Magnolia“), der das von Dickie angestrebte Amt einst selbst inne hatte, eilt ihm voraus. Die Geschicke lenken andere. Experten wie Chuck Raven (Richard Dreyfuss, „Nacht über Manhattan“), der für die Außendarstellung des Kandidaten zuständig ist. Als Pilager während der Dreharbeiten zu einem Wahlwerbespot eine Leiche aus dem Wasser fischt, ist Raven in seinem Element. Er beschuldigt politische Gegner einer Schmutzkampagne und lässt den ehemaligen Journalisten Danny O´Brien (Danny Huston, „Children of Men“) im Dreck wühlen.

Nach geradlinigem Anfang verstrickt sich „Silver City“ zunehmend in Nebenplots. Sayles führt eine Reihe komplexer Nebencharaktere ein, die der verschachtelten Geschichte schnell die Übersichtlichkeit rauben. Im Laufe seiner Nachforschungen stößt Privatschnüffler O´Brien auf Machenschaften, in die der Industrielle Wes Benteen (Kris Kristofferson, „Heaven´s Gate“) verwickelt zu sein scheint. Dieser unterstützt Pilagers politische Ambitionen, um sich seinerseits Vorteile bei der Ausweitung die Natur zerstörender Projekte zu sichern. Ihm zur Seite steht Lobbyist Chandler Tyson (Billy Zane, „Landspeed“), der wiederum mit O´Briens Ex-Freundin Nora (Maria Bello, „A History of Violence“) liiert ist. Am Ende muss der Spürhund feststellen, dass seine Ideale im Strudel politischer Machtambitionen keine Bedeutung haben.

Der spielfreudige Mix aus Polit-Satire, -Drama und -Thriller ist keine leichte Unterhaltung. Sayles fordert dem Zuschauer volle Konzentration ab und verlangt die Verarbeitung dichter Handlungsfolgen. Die implizieren Längen, derer sich das Ränkespiel um Interessenskoalition und Manipulation jederzeit bewusst ist. Der Plot muss eben in voller Auswalzung die Marke von zwei Stunden sprengen, um jeder Figur, um jedem Anliegen des Regisseurs gerecht zu werden. Im Finale schließt sich der Kreis. Der Idealist stößt an die Grenzen eines Systems, das keine Kritik zulässt, sofern Machtinteressen davon abhängen. Es folgt eine genüssliche Schlusspointe. Denn so wie sterbende Fische allmählich an die Oberfläche eines verseuchten Gewässers treiben, wird auch die Wahrheit nicht ewig verborgen bleiben.

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

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