Reservoir Dogs – Wilde Hunde (USA 1992)

reservoirdogs„Listen kid, I’m not gonna bullshit you, all right? I don’t give a good fuck what you know or don’t know, but I’m gonna torture you anyway, regardless. Not to get information. It’s amusing to me to torture a cop. You can say anything you want cause I’ve heard it all before. All you can do is pray for a quick death, which you ain’t gonna get.“ – Mr. Blonde

Acht Männer sitzen beim Frühstück in einem Café, sechs davon in identische schwarze Anzüge mit weißen Oberhemden gekleidet. Kreisrund folgt die Kamera der Gesprächsrunde und lässt den Zuschauer an Konversationen über die sexuelle Doppelbödigkeit von Madonna-Songs und die Angewohnheit, Kellnerinnen prinzipiell niemals Trinkgeld zukommen zu lassen, teilhaben. Die Atmosphäre ist gelassen, die Stimmung beinahe euphorisch. Mit den Worten „Let´s go to work“ wird die entspannte Tischgemeinschaft schließlich aufgelöst. Kurz darauf überfällt das simultan gekleidete Sextett einen Diamantenhändler und bringt eine Kette von Ereignissen in Gang, die alle Beteiligten in einem Strudel von Misstrauen und Gewalt in den Abgrund reißt.

Das besondere an Quentin Tarantinos „Reservoir Dogs“ ist die Erzählstruktur. Anstatt den Raubüberfall und dessen Konsequenzen chronologisch zu zeigen, spart der Film die Ausführung des Verbrechens aus und geht in die Narration eingebetteten Rückblenden der Frage nach, wer aus der Reihe der Verbrecher ein Spitzel der Polizei ist. Dabei fokussiert Tarantino sein Regiedebüt nicht auf die Klärung dieser Frage, sondern löst die dramaturgischen Knoten in einem kammerspielartigen Drama auf. In dessen Epizentrum stehen Mr. White (Harvey Keitel, „Bad Lieutenant“) und Mr. Orange (Tim Roth, „Rob Roy“), die sich ihren Weg bis zum verabredeten Treffpunkt, einem leerstehenden Lagerhaus, freischießen können.

Von einer Kugel in die Eingeweide getroffen, ringt Orange mit dem Tod, während sich White mit Mr. Pink (Steve Buscemi, „Fargo“) und Mr. Blonde (Michael Madsen, „Kill Bill“) in Verdächtigungen und Spekulationen ergeht. Das warten auf Drahtzieher Joe Cabot (Lawrence Tierney, „Bloody Marie“) und dessen Sohn, Nice Guy Eddie (Chris Penn, „True Romance“), wird für die Gangster zur Zerreißprobe – und lässt die „Reservoir Dogs“ bald wie wilde Hunde übereinander herfallen. Allen voran Mr. Blonde offenbart mehr und mehr soziopathische Züge, wenn er den Schicksalsgenossen im Kofferraum seines Fluchtautos einen später zur zügellosen Folter missbrauchten Polizisten präsentiert.

Das exzellent erzählte Thriller-Puzzle wird von den ausgefeilten Charakteren und nicht zuletzt deren großartigen Darstellern getragen. Harvey Keitel, ohne dessen Unterstützung bei der Finanzierung „Reservoir Dogs“ wohl nie realisiert worden wäre, brilliert als Gangster zwischen Loyalität und Freundschaft. Als Mr. Brown absolviert auch Regisseur Tarantino ein überschaubares Gastspiel. Sein 1,5 Millionen Dollar teurer Spielfilmerstling, der Referenzen an solch unterschiedliche Filme wie „City on Fire“ und „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ beinhaltet, fand beim amerikanischen Publikum trotz wohlwollender Kritiken wenig Anklang, spielte jedoch allein in Großbritannien seine Kosten wieder ein.

Der unkonventionelle Thriller fährt bereits all jene Wesenszüge auf, mit der Tarantinos Oeuvre das Independent-Kino in der Folge revolutionieren sollte: geschliffene, von Fluchtiraden beherrschte Dialoge, stilisierte Gewalt und einen Hang zur grotesken Verzerrung etablierter Klischees. Nur mit der inhaltlichen Geschlossenheit hapert es noch ein wenig. Beizeiten wirken Szenenabläufe zu gedehnt, in ihrer angestrebten Coolness zu selbstverliebt. Die Handschrift ist unverwechselbar, wenn die Form mitunter noch mehr einem Experiment gleichkommt. Doch selbst einem Ausnahmeregisseur wie diesem sollen bei seinem Erstling kleinere Mängel zugestanden werden. Ein unbestrittener Klassiker des dreckigen Gangsterfilms.

Wertung: (8 / 10)

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