Scarface (USA 1983)

scarface„You know what capitalism is? Getting fucked!“ – Tony Montana

Leicht hatte es „Scarface“ seit seiner Entstehung nicht. Zu viele Steine wurden ihm und seinem Schöpfer Brian De Palma („The Untouchables“, „Carlito´s Way“) in den Weg gelegt. Der Film eckte an, gerade Jugendschützer und Zensoren rasselten mit den sprichwörtlichen Säbeln und auch die Kritik ließ seinerzeit nicht immer ein gutes Haar am später zum Meisterwerk avancierten Gangsterfilm. Dies verdankt er vornehmlich Al Pacino („Der Duft der Frauen“, „Der Pate“), der hier – je nachdem aus welchem Blickwinkel man es sehen mag – die wohl prägnanteste Performance seiner Oscar-gekrönten Karriere ablieferte.

Unter den unzähligen Flüchtlingen, die 1980 aus Kuba in die USA einreisen, ist auch der mittellose Tony Montana (Pacino). Gemeinsam mit seinem Freund Manny (Steven Bauer) verdient er sein erstes Geld mit einem Mord, den folgenden Job als Tellerwäscher schmeißt er zugunsten einer Gangster-Karriere schnell hin. Durch sein forsches Auftreten kommt er bei seinem Boss Frank Lopez (Robert Loggia) gut an und steigt in der Hierarchie auf. Doch dies ist ihm nicht genug, denn zum einen strebt er nach der Spitze und zum anderen hat er ein Auge auf Elvira (Michelle Pfeiffer) geworfen, die Freundin von Lopez. Nachdem er diesen aus dem Weg geräumt hat, gibt es für ihn kein Halten mehr. Doch im Laufe der Jahre kommt er gegen seinen Größenwahn und Drogenkonsum nicht mehr an und die Zahl seiner Feinde steigt stetig.

Es ist ja fast ein Mythos, der De Palmas Werk, ein Remake des gleichnamigen Klassikers von 1932, umgibt. Die Figur des Tony Montana ist längst auf T-Shirts verewigt, seine Posen – ob zugedröhnt oder martialisch bewaffnet – zieren unzähligen Postermotive. Von all den bekannten Zitaten ganz zu schweigen. Diese Intention hatten seinerzeit wohl weder De Palma noch Oliver Stone – letzterer zeichnet sich für das Drehbuch verantwortlich. Ein Schelm, wer beim überhöhten Drogenkonsum in „Scarface“ etwas Böses denkt, schließlich war auch Kultregisseur Stone („Platoon“) diesbezüglich nie ein Unschuldslamm. So gehört der politisch unkorrekte Thriller zur modernen Popkultur, obwohl er keinerlei Vorbildfunktion vertreten kann. Zweifelsfrei als Gangsterfilm kategorisiert, sind Unterschiede zu klassischen Vertretern des Genres, „Der Pate“ oder „GoodFellas“, allzu offensichtlich.

„Scarface“ ist bunter als andere Genrevertreter und wirkt dadurch weniger steril. Sein vermeintlicher Held ist alles andere als ein Vorzeigegangster mit Ehrgefühl. Pacino poltert, wie er vielleicht nie wieder poltern durfte. Auch deswegen genießt der Film Kultstatus. Überhaupt Pacino. Dass er zu den großartigsten Schauspielern aller Zeiten gehört, steht außer Frage. Hier verkommt seine Performance zur ausschließlichen One-Man-Show. Sei es durch seinen freizügigen kubanischen Dialekt oder die stets überhebliche wie gestikulierende Art und Weise seines Auftretens. An der langen Leine gelassen, zelebriert Pacino mit jeder einzelnen Szene die Figur des Tony Montana. Da kann der Rest des Cast nicht mithalten. Die junge Michelle Pfeiffer („Gefährliche Liebschaften“, „Batman Returns“) wirkt als dröge Schönheit überfordert, auch Mary Elizabeth Mastrantonio („Robin Hood – König der Diebe“), F. Murray Abraham („Der Name der Rose“), Mark Margolis („Requiem for a Dream”) oder Robert Loggia („Lost Highway“) stehen jederzeit im Schatten des übermächtig wirkenden Pacino.

Was man „Scarface“ mitunter ankreiden kann ist, dass er einfach kein Gangsterepos vom Schlage eines Coppola oder Scorsese ist. Man hat manchmal das Gefühl, die Feder von Stone wolle mehr hergeben, als es der Film letztlich kann. In diesen Szenen fehlt dem gewaltreichen Drama eine gewisse Tiefe. Dies allerdings fällt kaum ins Gewicht, denn trotz einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden unterhält das Scheitern des kubanischen Einwanderers prächtig. Der ein oder andere kleine Hänger bleibt dennoch nicht verborgen. Zwar ist die weitgehend überraschungsfreie Geschichte geradlinig erzählt, ohne Pacinos Darbietung jedoch hätte sie sicherlich ein existenzielles Problem.

Als anstößig wurde allen voran die Gewaltdarstellung empfunden, passagenweise sicher nicht ohne Grund. Dennoch gab es auch zur damaligen Zeit brutalere Filme als diesen. Die bekannte, wenn auch durch Ausblendung weit weniger heftig als ihr Ruf ausfallende Kettensägen-Sequenz ließ auch deutsche Zensoren aufhorchen, was bis vor wenigen Jahren noch zu deren Entschärfung führte. Allerdings wurde das Opus auch wegen derartiger Normbrüche zum Klassiker, vom explosiven Showdown mit der völlig zugekoksten Ein-Mann-Armee namens Tony Montana ganz zu schweigen. „Scarface“ gehört zu den ganz großen Gangsterfilmen, auch wenn er eigentlich keiner von ihnen ist. Manchmal reicht schon fast ein überragender Pacino.

Wertung: (9 / 10)

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