Sin City (USA 2005)

sin-city„These are the bad days. The all-or-nothing days. They’re back.“ – Marv

In der sündigen Stadt stehen sich Leben und Tod auf schmalem Grat gegenüber. Es scheint niemals Tag zu sein – in dämmrigen Straßenschluchten tummeln sich verlorene Seelen, Glücksritter und psychopathische Killer. Sie alle sind auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, dem eigenen Stück vom großen Kuchen. Die meisten von ihnen werden als Opfer brutaler Gewalt ihr Leben aushauchen. Doch ist das der Lauf der Dinge, nicht mehr als Alltäglichkeit in Sin City.

Die Idee der gesetzlosen Megalopolis geht auf Illustrator und Zeichner Frank Miller zurück. Der hat mit „Sin City“ einen perversen Mikrokosmos geschaffen, in dem es weder Anstand noch Moral gibt. Es gilt das Gesetz des Stärkeren, wer seinen Gegner zuerst auslöscht ist im Recht. Die Comics des 48-jährigen Amerikaners – der auch erfolgreich für die Marvel- und DC-Serien „Batman“ und „Daredevil“ die Feder schwang – genießen Kultstatus.

Der Adaption seiner Werke stand Miller stets skeptisch gegenüber. Als Autor der „RoboCop“-Teile zwei und drei versuchte er bereits Anfang der Neunziger sein Glück in Hollywood. Ohne Erfolg. Erst Robert Rodriguez („El Mariachi“) stimmte ihn um – und verpflichtete Miller gleich als Co-Regisseur für die Umsetzung von „Sin City“. Unterstützt wird das Duo von Gastregisseur Quentin Tarantino („Reservoir Dogs“) – und setzt für die Belange moderner Comic-Verfilmungen Maßstäbe.

Da werden visuelle Grenzen gesprengt und konventionelle Regelwerke politischer Korrektheit mit Füßen getreten. In loser Folge wird Blut vergossen, Körpern physische Pein zuteil. Frauen werden gequält, Geistliche werden getötet. In düsteren, dem Film-Noir verwandten Schwarz-Weiß-Bildern erzählt das Regie-Gespann drei Episoden um Aufopferung, Liebe und Tod. In deren Schattenseite klaffen abseits der obligatorischen Femme Fatales finstere seelische Abgründe.

Ähnlich Gary Ross’ „Pleasantville“ wird auch die formale Farblosigkeit in „Sin City“ von vereinzelten kolorierten Elementen durchbrochen. Weibliche Lippen erstrahlen plötzlich in sinnlichem Rot, menschlicher Lebenssaft wird in seiner ursprünglichen Farbgebung sichtbar gemacht oder die Haut des pädophilen Yellow Bastard (Nick Stahl, „Carnivále“) sticht in unnatürlich leuchtendem Gelb hervor.

Ein Drehbuch für „Sin City“ gab es nicht. Als Storyboards dienten einzig Frank Millers Comics. Für die spärlichen Dialoge und die zahlreichen Monologe orientierten sich die Macher ebenso am gezeichneten Original, wie für die extravaganten Kameraeinstellungen. In seiner akribischen Detailversessenheit gleicht der Film mehr einer visuellen Übersetzung der Vorlage, denn einer eigenständigen Adaption von Millers Illustrationen.

Wie „Sky Captain and the World of Tomorrow“ und „Immortel (Ad Vitam)“ wurde auch „Sin City“ einzig vor Green Screen gedreht. Zum Einsatz kamen dabei nur hochmoderne Digitalkameras. Die Hintergründe wurden später am Computer mit den Spielszenen vereint. Mehr denn je verleiht dieses außergewöhnliche Experiment dem Film die angestrebte wie notwendige Künstlichkeit. Dabei bedienen sich die surrealen Szenarien von Stadt und Land beim expressionistischen deutschen Kino der zwanziger und dreißiger Jahre.

Im Rahmen der drei Episoden kommt eine Vielzahl von Hollywoodstars zum Einsatz. Neben Bruce Willis („Pulp Fiction“) – dem als letztem aufrechten Cop Hartigan in der Episode „That Yellow Bastard“ die Hauptrolle zukommt – brillieren Benicio Del Toro („Fear and Loathing in Las Vegas“), Jessica Alba („Honey“), Clive Owen („King Arthur“), Brittany Murphy („Spun“), Powers Boothe („U-Turn“), Rutger Hauer („Blade Runner“), Josh Hartnett („Pearl Harbor“), Rosario Dawson („25 Stunden“), Michael Madsen („Donnie Brasco“), Michael Clarke Duncan („The Scorpion King“) und Jaime King („Blow“).

Als erbitterter Opponent von Micky Rourke („Johnny Handsome“) – der als hünenhafter Marv durch die Episode „The Hard Goodbye“ führt – sticht vor allem Elijah Wood („Der Herr der Ringe“) als Wollpullover auftragender Psychopath hervor. Die beängstigende Wandlung vom Hobbit zum manischen Schlächter hätte Wood in dieser emotionalen Grabeskälte wohl niemand zugetraut. Nach „The Faculty“ ist es seine zweite Zusammenarbeit mit Regisseur Robert Rodriguez.

Trotz streitbarem Inhalt und sehr eigenwilliger Moralvorstellung ist „Sin City“ ein virtuoser wie provozierender Cocktail aus fantastischem Gewalt-Comic und Pulp-Thriller. Bei ihrer abgründigen Achterbahnfahrt lassen die Macher zu keinem Zeitpunkt den Schatten eines Zweifels darüber aufkommen, dass ihre düstere Vision auch nur das geringste mit der Wirklichkeit gemein hat. Wer sich an exploitativer Gewaltorgiastik und überstilisierter Bildästhetik ergötzen kann, liegt hier nicht nur goldrichtig, sondern bekommt in atemberaubendem Tempo auch den nächsten Kultstreifen serviert. An „Sin City“ – so viel steht fest – führt kein Weg vorbei!

Wertung: (9 / 10)

scroll to top