True Romance (USA 1993)

true-romance„Do I look like a beautiful blonde with big tits and an ass that tastes like French vanilla ice cream?” – Clarence

Das muss Liebe sein: Clarence (Christian Slater, „Broken Arrow“), verträumter Clerk eines Comicladens, geht wie jedes Jahr an seinem Geburtstag ins Kino. Allein. Seine lustvoll geschwungenen Reden darüber, dass er, natürlich nur wenn er müsste, den „King of Rock ´n Roll“ Elvis Presley vögeln würde, verprellen im Vorfeld eine Zufallsbekanntschaft. Zeit zur Trübsal jedoch bleibt keine, immerhin warten da drei Kung Fu-Filme mit reger Beteiligung von Sonny Chiba auf ihn. Während denen bringt ihn verschüttetes Popcorn der flippigen Alabama (Patricia Arquette, „Ed Wood“) näher. Einem Stück Kuchen und einem Besuch seines Arbeitsplatzes folgt – schließlich funkt es mächtig – Sex.

Doch der Akt war nur ein Akt. Alabama ist ein Call Girl, engagiert von Clarences Boss. Der entfachten Liebe wegen steigt sie aus. Wenn da nicht Drexl wäre. „Wer oder was ist ein Drexl?“, fragt Clarence, nachdem er und Alabama überstürzt geheiratet haben. Drexl ist ein abgefuckter Zuhälter. Alabamas Zuhälter. Gary Oldman („Romeo is Bleeding“) spielt ihn derart entfesselt, dass es eine wahre Freude ist. In einem Motel fertigt er zwei Schwarze mit einer Pump Gun ab. Einer davon ist Samuel L. Jackson („The 51st State“). Der darf noch kurz zum Besten geben, dass er neben Muschis auch Ärsche leckt, bevor ihn zwei Salven blutig niederstrecken. Die Beute ist ein Koffer voller Kokain.

Noch bevor Quentin Tarantino selbst auf dem Regiestuhl Platz nahm und mit seinem Zweitwerk „Pulp Fiction“ den Gangsterfilm revolutionierte, schrieb er die Drehbücher zu „Natural Born Killers“ und „True Romance“, die ursprünglich eine Geschichte bildeten. Den ersten brachte Oliver Stone als umstrittene Medien-Satire auf die Leinwand, den zweiten formte Tony Scott („Last Boy Scout“) zur knallig bunten wie überdreht gewalttätigen Hardcore-Romanze. Mit einer illustren Darstellerriege, bei der unter anderem Brad Pitt („Thelma & Louise“) als Dauerkiffer und „Sopranos“-Star James Gandolfini als brutaler Killer in Erscheinung treten, inszenierte er einen der abgefahrensten Pulp-Thriller aller Zeiten.

Bei seinen Badezimmergesprächen mit Elvis (Val Kilmer, „The Doors“), im Abspann lediglich als „Mentor“ vermerkt, regt sich in Clarence Unmut darüber, dass Scheißkerle wie Drexl stets ungeschoren davonkommen. Doch nicht dieses Mal. Clarence stattet ihm einen folgenschweren Besuch ab und entkommt, nachdem er dem Gangster Gemächt und Leben genommen hat, mit einem Koffer, der jedoch nicht Alabamas Sachen, sondern die geraubten Drogen enthält. Mit der Angetrauten flüchtet er nach Hollywood, wo sein Freund Dick (Michael Rapaport, „Metro“) den Kontakt zu Filmproduzent Lee Donowitz (Saul Rubinek, „Erbarmungslos“) herstellt. Denn der hat genug Geld und Bedarf, den Stoff aufzukaufen.

Weil dessen Assistent Elliot (Bronson Pinchot, „Beverly Hills Cop“) aber ins Visier der Polizei gerät, führt er die Beamten Nicholson (Tom Sizemore, „Strange Days“) und Dimes (Chris Penn, „Reservoir Dogs“) auf die Fährte des Drogenhandels. In einem Hotelzimmer treffen schlussendlich alle Parteien aufeinander. Mafiakiller, Staatsdiener, Donowitz´ Bodyguards, mittendrin Clarence und Alabama. Der infernalische Showdown, bei dem sich mit teils grotesker Gewalt die Reihen der Beteiligten lichten, sucht wahrlich seinesgleichen. „True Romance“ ist ein brillant gestalteter Hochglanz-Comic, der die besten Seiten von Autor Tarantino und Regisseur Scott zu einer temporeichen, furios inszenierten Achterbahnfahrt kombiniert.

Die Fülle unvergesslicher Szenen ist bemerkenswert. Allein der Dialog zwischen Clarences Vater, gespielt von Alt-Star Dennis Hopper („Apocalypse Now“), und Mafiosi Coccotti (Christopher Walken, „King of New York“), der mit allen Mitteln Informationen über den Verbleib der Flüchtigen erhalten will, ist denkwürdig. Über den rassistischen Vergleich von Italienern und Schwarzen reizt Hopper den Gegenüber so lange, bis der ihm eine Kugel ins Hirn jagt. Die Darstellung von Gewalt ist herbe, Soundtrack und filmgeschichtliches Zitatepuzzle trefflich. Das inflationäre Label „Kult“ traf selten besser auf einen Film zu. Wahrscheinlich bei „Pulp Fiction“. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)

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