Platoon (USA/GB 1986)

platoonOliver Stone ist nicht nur Hollywoods Verschwörungstheoretiker („JFK“) und Establishmentschreck („Natural Born Killers“) Nummer eins, er ist auch bekennender Kiffer und ausgewiesener Veteran des Vietnamkrieges. Er widmete diesem schwarzen Fleck auf der Weste US-militärischer Interventionen eine Spielfilmtrilogie, die mit dem Oscar-gekrönten Antikriegsdrama „Platoon“ 1986 ihren Ursprung fand. Durchzogen von biografischen Verweisen schickt Stone den jungen Charlie Sheen, mit dem er ein Jahr später auch „Wall Street“ besetzte, als freiwillig in den Kriegsdienst getretenen Idealisten durch die Hölle von Entmenschlichung und Barbarei.

Dieser Chris Taylor reibt sich verwundert die Augen, als er dem Bauch eines Transportflugzeugs entsteigt und in Säcke verpackte Leichen erspäht. „Willkommen in Vietnam“ raunt es ihm entgegen. Die Vorahnung wird bald zur Gewissheit, dass die verklärten Bilder romantisierter Weltkriegsfilme nichts mit der Realität gemeinsam haben. Taylor erhofft sich Antworten auf die existenzialistischen Fragen des Daseins. Finden wird er sie, wenn auch auf anderem, weit schmerzvollerem Wege, als er es sich hätte vorstellen können. Am Ende, wenn aus dem blasierten Jüngling tatsächlich ein Mann geworden ist, lebt er zwar, doch werden die Schrecken der Dienstzeit für immer an ihm nagen.

Sein Konflikt ist auch der zweier Offiziere, der Sergeanten Robert Barnes (Tom Berenger, „Mörderischer Vorsprung“) und Elias Grodin (Willem Dafoe, „Leben und Sterben in L.A.“). Sie streiten um seine Seele, wenn es darum geht Grausamkeit zum Schutze des eigenen Lebens, nicht zuletzt dem der Kameraden zu praktizieren oder ihr durch Mitgefühl zu widerstehen. In Anlehnung an das Massaker von My Lai, bei dem amerikanische Soldaten ihren Frust an den Bewohnern eines vietnamesischen Dorfes ausließen, erschießt Barnes Unschuldige, bedroht Kinder, lässt Feuer legen. Die Situation zwischen den vorgesetzten eskaliert. Während eines Einsatzes eröffnet Barnes das Feuer auf den moralischen Kontrahenten Elias.

Die Sinnlosigkeit des Krieges zeigt in jener legendären Sequenz ihre finstre Fratze, in der Willem Dafoes Figur des humanistischen Soldaten schwer verwundet, denn Barnes Schüsse im Busch waren mitnichten tödlich, vor einer Gruppe anrückender Vietcong flüchtet. Taylor und seine Leidensgenossen müssen aus dem Transporthelikopter heraus mit ansehen, wie Elias qualvoll zu Tode kommt. Am Ende richtet er die Arme noch einmal dem Himmel entgegen und wird dem prägenden „Warum?“ der Kriegsgegner zum ikonesken Sinnbild. Nach einer verheerenden Offensive wird Taylor an Barnes Rache üben. Er überlebt die Ziehväter des Kampfes, um den Preis des eigenen Seelenheils.

Ungeachtet der in schockierendem Realismus aufgezeigten Gräuel geht es Stone um die prägenden Lebenserfahrungen. Kameradschaft, Todesangst, natürlich Drogenkonsum, zu guter letzt der Wille zu Töten. Eine Riege namhafter Darsteller steht für die glaubhafte Verkörperung des Platoon, jenes Zuges, in dessen Reihen Hauptprotagonist Taylor durch Off-Kommentare kluge Einblicke in das soldatische Innenleben erlaubt. Unter ihnen finden sich Forest Whitaker („Ghost Dog“), John C. McGinley („Set it Off“), Kevin Dillon („The Doors”), Keith David („Das Ding aus einer anderen Welt”) und der junge Johnny Depp („Sleepy Hollow“). Mit „Geboren am 4. Juli“ und „Zwischen Himmel und Hölle“ legte Stone, der selbst einen Gastauftritt absolviert, nach. Dieser aber bleibt sein bester, sein erschütterndster Beitrag zur kritischen Aufarbeitung des Vietnam-Traumas.

Wertung: 10 out of 10 stars (10 / 10)

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