Rosario – Die Scherenfrau (CO/BR/MEX/E 2005)

rosario-die-scherenfrauRosario (Flora Martínez, „Alle lieben Lucy“) ist jung, schön und verführerisch. Zu Beginn liegt sie auf einer Bahre, blutüberströmt. Bei ihr ist Antonio (Unax Ugalde, „Goyas Geister“), der über Jahre mehr war als ein nur Freund. Ihre Verbindung zeugt von gesellschaftlichen Unterschieden, dem Wunsch nach einem geordneten Leben und dem Mahlstrom sozialer Brennpunkte im Kolumbien der ausgehenden achtziger Jahre. „Rosario – Die Scherenfrau“, basierend auf Jorge Francos Roman „Rosario Tijeras“, zeigt ungeschönt die Hoffnungslosigkeit auf ein Entrinnen. Zu stark scheint die verzehrende Sogwirkung des Abgrundes aus Drogen und Gewalt.

Das stark gespielte Drama ergeht sich in einer versponnenen Erzählung, deren dichtes Geflecht aufgezeigter Erinnerungen konventionelle Handlungsmuster vermeidet. In Rückblenden, die zum Teil in weitere Bestandteile der Vergangenheit übergreifen, kommt es zur Begegnung zwischen Rosario und dem sensiblen Antonio, voranstehend aber dessen Jugendfreund Emilio (Manolo Cardona, „The Reaping“). Der lernt sie in einer Disco kennen und verbringt gleich die Nacht mit ihr. Auch Antonio fühlt sich zu der geheimnisvollen Frau hingezogen, wenn auch nicht vordergründig auf die Sexualität reduziert. Durch Rosario eröffnet sich den Söhnen aus gutem Hause eine für sie unbekannte Welt. Obendrein eine gefährliche, denn die Schönheit ist neben der Hure ihres kriminellen Umfelds vor allem eines: eine eiskalte Killerin.

Ihre Antwort auf das harte Los des Lebens ist Gewalt. Der Kontrast zur Unbarmherzigkeit des Alltags ist das Zusammensein mit Emilio und Antonio, die für sie ein Stück Konformität bedeuten. In der Titelrolle besticht Flora Martínez. Ihre freizügige Darbietung verbindet Kaltblütigkeit und Fragilität, was das Kontrastprogramm emotionaler Ausbrüche zur glaubwürdigen Tour de Force macht. Endgültig gerät ihre Welt aus den Fugen, als ihr Bruder Johnefe (Rodrigo Oviedo, „Pink Punch“) ermordet wird. In der Folge zieht sich Rosario zurück und flüchtet sich in Drogenexzesse. Als einzige Stütze steht ihr Antonio bei. Doch als sie ihr Glück endlich begreift, ist es bereits zu spät.

Die Kraft von Emilio Maillés Inszenierung offenbart sich in Andeutungen. Wenn Rosarios Gedanken in ihre Kindheit schweifen und der Mann der Mutter ihr lüsterne Blicke zuwirft, während er mit einem Finger den weichen Dotter seines Spiegeleis umspielt, wird die Tragik eines verpfuschten Lebens spürbar. Die sich puzzleartig offenbarende Wahrheit schmerzt, sei sie dabei auch noch so schleppend transportiert. So ist der Film denn auch wie seine traurige Antiheldin – sexy, lasziv und brutal. Ein Massenpublikum wird dies unkonventionelle wie unbequeme Werk nicht finden. Die darin gezeigte Welt ist eine bittere. Der Blick auf sie lohnt dennoch. Und sei es auch nur aufgrund der kunstfertigen Andersartigkeit.

Wertung: (7 / 10)

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