Auge um Auge – Out of the Furnace (USA/GB 2013)

auge-um-auge-out-of-the-furnace„You got a problem with me?“ – Russell Baze

„I got a problem with everybody.“ – Harlan DeGroat

Es gibt Filme, bei denen braucht es kein inhaltliches Vorwissen, um das ungeteilte Interesse des Zuschauers zu wecken. Ein Blick auf die Besetzungsliste genügt, um sämtliche Zweifel auszuräumen. Ein solches Werk ist „Out of the Furnace“, dessen deutscher Titel „Auge um Auge“ in biblischer Tradition vorab erahnen lässt, welchen Weg die Geschichte letztlich beschreiten wird. Einen simplen Racheplot tischt Regisseur Scott Cooper („Crazy Heart“) trotzdem nicht auf. Denn im Mittelpunkt seines bitteren Dramas stehen Milieu- und Charakterprofile, die gängigen Hollywood-Mustern mit unverklärter Direktheit widerstreben. Nur bremsen sie bisweilen den Erzählfluss aus.

In der Hauptrolle brilliert Oscar-Preisträger Christian Bale („The Fighter“), dessen Irakkriegs-Veteran Russell Baze im wirtschaftlich weitgehend abgehängten Nirgendwo im örtlichen Stahlwerk malocht. Die Arbeit ist hart, der Lohn karg. Doch Russell ist keiner, der sich beschwert. In Lena (Zoe Saldana, „Colombiana“) hat er eine hingebungsvolle Partnerin gefunden, mit Bruder Rodney (Casey Affleck, „Gone Baby Gone“) und Onkel Gerald (Sam Shepard, „Bloodline“) kümmert er sich um den siechenden Vater. Neben dem bereitet vor allem Rodney Sorgen. Mehrere Kriegseinsätze haben ihn innerlich zerrüttet. Der Schufterei im Stahlwerk verweigert er sich beharrlich und verpulvert lieber geliehenes Geld bei Wettgeschäften.

Vor diesem Blick ins trostlose Herz der amerikanischen Mittelschicht steht Harlan DeGroat (einmal mehr famos: Woody Harrelson, „True Detective“). Ihm gehört die Auftaktsequenz, in der er im Autokino (gezeigt wird „The Midnight Meat Train“) den sadistischen Unmenschen markiert und aufgrund einer Lappalie förmlich explodiert. Die offenkundige Wegkreuzung mit den Baze-Brüdern bereitet der auch am Drehbuch beteiligte Cooper mit einiger Sorgfalt, aber auch etwas ausufernder Erzählweise vor. Dafür steht insbesondere Russells volltrunkene Autofahrt, die in einen Unfall mit Todesfolge mündet und ihn ins Gefängnis bringt. Dramaturgisch ist das ohne Klischees oder Weichzeichner gesponnen. Nur nimmt es im Kontext der Gesamtgeschichte ein wenig zu viel Raum ein.

Während seiner Inhaftierung ändert sich alles. Der Vater stirbt, Lena gründet mit dem örtlichen Polizeichef Wesley Barnes (Oscar-Preisträger Forest Whitaker, „Der letzte König von Schottland“) eine Familie und Rodney gerät durch seine Schulden bei Barbetreiber John Petty (Willem Dafoe, „Nymphomania“) ins Metier brutaler Hinterhof-Faustkämpfe. Da kommt DeGroat ins Spiel, dessen Fights in der Abgeschiedenheit der Appalachen mehr Geld versprechen. Als Rodney nicht zurückkehrt und die Ermittlungen ins Stocken geraten, begeben sich Russell und Gerald auf Spurensuche. Dass die in eine finale Konfrontation mit DeGroat mündet, bleibt unvermeidbar. Doch auch der Weg dorthin bleibt nicht frei von erzählerischer Streckung.

Das packende Spiel von Bale und Harrelson sowie die Vermeidung plumper Rächer-Standarten tragen den von Leonardo DiCaprio („The Wolf of Wall Street“) und Ridley Scott („American Gangster“) produzierten Film ohne selbstzweckhafte Action-Beigabe sicher über die Ziellinie. „Out of the Furnace“ ist ein beachtliches und durchweg von unbequemem Hauch überlagertes Drama. Trotz aller grundlegenden Klasse und einer hervorragenden Besetzung bleibt es jedoch nicht ohne Makel. Denn wie schon bei Scott Coopers „Crazy Heart“, der in die Oscar-Ehrung von Hauptdarsteller Jeff Bridges mündete, kann der etwas zu breit gewalzte Plot mit der schauspielerischen Güte nicht Schritt halten. Von daher schadet eine Prise inhaltlicher Vorkenntnis in diesem Falle keineswegs.

Wertung: 7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

Ähnliche Beiträge

  • Agenten sterben einsam (GB/USA 1968)

    „Broadsword calling Danny Boy…“ – Geriet zum Klassiker: Smiths Einleitung bei Funkgesprächen Fernab der Realität auf geheimer Mission. Für Charakterdarsteller Richard Burton („Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“) und den auch in Amerika Fuß gefassten Western-Star Clint Eastwood („The Good, the Bad and the Ugly“) bedeutete das anno 1968 kein Problem. Als alliiertes Sonderkommando stoßen…

  • Ender’s Game – Das große Spiel (USA 2013)

    „You will have to win this war one battle at a time.“ – Mazer Rackham Jugendbuchverfilmungen haben Konjunktur. Dass es dabei abseits der erforderlichen Portion Abenteuer und Romantik auch ambivalent zugehen kann, beweist „Die Tribute von Panem“. Ein ebenfalls eher düster gefärbter Vertreter ist „Ender’s Game“, den Gavin Hood („X-Men Origins: Wolverine“) auf Basis von…

  • Grotesque (J 2009)

    Kazuo (Hiroaki Kawatsure) und die hübsche Aki (Tsugumi Nagasawa) haben sich ineinander verguckt. Die Schmetterlinge im Bauch scheinen ihnen allerdings zu Kopf gestiegen zu sein, ist ihrer Perzeption offenkundig völlig entgangen, dass sich ein Unbekannter (Shigeo Osako) ebenfalls verguckt hat – und zwar in beide. Nach erfolgreichem Ausknocken per Hammer landen die Verliebten in des…

  • Achterbahn (USA 1977)

    Der Mann auf dem Pier führt Böses im Schilde. Um das zu merken, bedarf es nicht einmal der dramatisch aufgeheizten klassischen Musik. Als Angler getarnt observiert er einen unweit gelegenen Vergnügungspark, genauer dessen Achterbahn. Dort wird er einen Sprengsatz deponieren, der die Wagen des Fahrgeschäftes entgleisen lässt. Mehrere Menschen sterben bei dem spektakulär gefilmten Anschlag….

  • Days of Being Wild (HK 1990)

    Die Filme Wong Kar-Wais kreisen um ein Epizentrum aus Entfremdung, Einsamkeit und Gewalt. Nach dem inhaltlich überschaubaren Debüt „As Tears Go By“ erweiterte der chinesische Regie-Autor das Ensemble für sein Zweitwerk „Days of Being Wild“ und rückte mehr Figuren in den Blickpunkt der Geschichte. Deren Ausgangspunkt ist der rücksichtlose Playboy Yuddie (Leslie Cheung, „A Better…

  • Going to Pieces (USA 2006)

    Für eine jede Generation Heranwachsender, meist männlicher Jugendlicher, erfindet sich der Slasherfilm neu. So ist es seit fast 30 Jahren, seit „Halloween“ und „Freitag, der 13.“ die Lawine ins Rollen brachten. Eine Revolution des Genres, auch wenn sie „Scream“ mitunter attestiert wird, trat bislang jedoch nicht ein. Denn das von Jugendschützern und besorgten Eltern so…