Mr. Robot (Season 1) (USA 2015)

mr-robot-season-1„Hello friend. Hello friend? That’s lame. Maybe I should give you a name. But that’s a slippery slope, you’re only in my head, we have to remember that. Shit, this actually happened, I’m talking to an imaginary person. What I’m about to tell you is top secret. A conspiracy bigger than all of us. There’s a powerful group of people out there that are secretly running the world. I’m talking about the guys no one knows about, the ones that are invisible. The top 1% of the top 1%, the guys that play God without permission. And now I think they’re following me.“ – Elliot

Die Kino- und TV-Landschaft ist voller strahlender Helden. Sie riskieren ihr (fiktives) Leben für die gerechte Sache und den Schutz der Schwachen. Durch den Siegeszug moderner US-amerikanischer Serienformate hat zwar die Ambivalenz zugenommen, so richtig zerrüttet sind trotzdem nur die wenigsten heroischen Protagonisten. Eine Ausnahme ist Elliot Alderson. Der brillante Hacker, der seine Fähigkeiten dazu nutzt, von ihm ausspionierte Mitmenschen bei ergründeter Kriminalität anzuschwärzen, leidet unter Depressionen und Angstzuständen. Um dies stattliche Paket zumindest ansatzweise zu kompensieren, nimmt er Morphium. Nicht in großer Dosierung, dafür stets am Rande der Abhängigkeit.

Dass der Zweck die Mittel heiligt, zeigt sich an der Durchleuchtung anderer. Elliot hackt E-Mail-Konten, Profile in sozialen Netzwerken und Heim-Computer. Ein konkretes Verdachtsmoment braucht es dazu nicht. Seine Überlegenheit resultiert aus der Kenntnis von Stärken und Schwächen seiner Mitmenschen. Dass er dabei – stets anonym – Kriminelle ans Messer eines Systems liefert, dessen Mechanismen er verachtet, ist mehr Hobby als Dienst an der Gesellschaft. Ein Held im klassischen Sinne ist Elliot demnach nicht. Als Teil eines Kollektivs macht er sich dennoch an den Sturz der scheinbar unantastbaren Mächtigen. Mit der Konsequenz, dass seine gesamte Wahrnehmung an der Schnittstelle von Realität und Wahn aus den Angeln gehoben wird.

„Mr. Robot“, so viel steht bereits nach wenigen Momenten fest, ist eine ungewöhnliche Serie. Hauptprotagonist Elliot, brillant verkörpert von Rami Malek („The Pacific“), adressiert den Zuschauer bisweilen direkt und durchbricht damit die vierte Wand. Jedoch nicht im Sinne eines Frank Underwood, der sich des Publikums in „House of Cards“ gewahr ist, sondern als Begleiter in seinem Kopf. Die Off-Erläuterungen erscheinen in diesem Kontext deutlich sinnhafter als in anderen Formaten. Der gewiefte Hacker ist Sozialphobiker. Freundschaften oder selbst flüchtige zwischenmenschliche Kontakte pflegt er bestenfalls sporadisch. Seine engste, von seinem Doppelleben nichts ahnende Vertraute ist Angela (Portia Doubleday, „Carrie“). Die beiden kennen sich seit Jugendtagen und hatten beide den Tod eines Elternteils zu beklagen.

Die Schuld daran trägt das mächtige Unternehmen E-Corp, das in Elliots Wahrnehmung von jedem nur Evil Corp genannt wird. Ausgerechnet für jenen Multikonzern arbeitet die vom integren Gideon (Michael Gill, „House of Cards“) geführte Web-Sicherheitsfirma, bei der Elliot und Angela angestellt sind. Nach einem Hackerangriff auf Evil Corp, bei dem Elliot seine Qualitäten zur Rettung des Tages ausspielen kann, nimmt der mysteriöse Mr. Robot (Golden Globe-prämiert: Christian Slater, „True Romance“) Kontakt zu ihm auf. Er führt ihn in die Hackergruppe fsociety ein, deren Ziel es ist, Evil Corp und damit verbunden das System der mächtigen Minderheit zum Einsturz zu bringen. Elliot fällt dabei eine Schlüsselrolle zu. Der Zuschauer ahnt jedoch rasch, dass Mr. Robot ein dunkles Geheimnis umgibt.

Der Verdacht eines Twists in „Fight Club“-Manier liegt nahe. Doch so leicht macht es Serienschöpfer Sam Esmail dem Publikum nicht. Die große Stärke ist Hauptdarsteller Rami Malek, der das nötige Charisma mitbringt, um die komplexe Figur des zerrütteten Genies glaubhaft zum Leben zu erwecken. Dabei behilflich sind ihm sehenswert besetzte Nebendarsteller. Zu ihnen zählt Elliots Psychotherapeutin Krista (Gloria Reuben, „Emergency Room“), die er über sein wahres Ich im Dunklen belässt. Oder Dealerin Shayla (Frankie Shaw, „Blue Mountain State“), mit der er sich zögerlich auf eine Beziehung einlässt – und die er durch Anschwärzen ihres soziopathischen Drogenlieferanten Fernando (Elliot Villar) in ernste Gefahr bringt. Die ebenfalls am Evil-Corp-Kollaps feilende Darlene (Carly Chaikin, „Suburgatory“) bleibt für Elliot zunächst ein Mysterium. Doch auch ihre Bedeutung wächst. Manch augenöffnende Erkenntnis inklusive.

Eine der faszinierendsten Figuren bleibt aber Evil-Corp-Executive Tyrell Wellick (Martin Wallström, „100 Code“). Der ist jung, ambitioniert und skrupellos. Er will in der Unternehmenshierarchie aufsteigen und schreckt dafür vor keinem Mittel zurück. Dass er nach einem frustrierenden Arbeitstag auch mal dadurch Dampf ablässt, dass er einem Obdachlosen für Geld die Fresse poliert, ist Ausdruck jenes gegen die Gesellschaft gerichteten Raubtierkapitalismus, den fsociety stürzen will. So steuert die als bestes Drama Golden-Globe-prämierte Auftaktstaffel über 9 packende Episoden zwischen Anarcho-Revolution, persönlichen Verstrickungen in Thriller-Manier und Drogenwahn mit inszenatorischem Anklang an Darren Aronofsky – neben Sam Esmail führte u.a. Niels Arden Oplev („Dead Man Down“) Regie – auf ein Finale zu, dass die (fiktive) Welt aus den Angeln hebt. Oder sollte am Ende alles nur Einbildung sein? Die Antwort ist eindeutig – und hat ihre Fortsetzung bereits gefunden.

Wertung: (8,5 / 10)

scroll to top