Interstellar (USA/GB 2014)

interstellar„Mankind was born on Earth. It was never meant to die here.“ – Cooper

Mit der „Dark Knight“-Trilogie und „Inception“ hat sich Christopher Nolan den Ruf eines anspruchsvollen Blockbuster-Regisseurs erarbeitet. Wobei die Begrifflichkeit des Blockbusters, hält man sündhaft teure Banalitäten des Schlages „Transformers“ dagegen, gar nicht so recht passen will. Schließlich wahrt Nolan bei aller visuellen Raffinesse stets den Blick für kontrastreiche Figuren und komplexe Geschichten. Diese Entwicklung treibt er mit „Interstellar“ auf die Spitze. Denn mit klassischem Effektkino für die breite Masse hat die philosophische Reise in die Tiefen des Universums nichts gemein.

In einer unbestimmten Zukunft droht die Menschheit zu verhungern. Nicht der Mangel an Rohstoffen scheint das Schicksal der Erdbevölkerung zu besiegeln, sondern die ausbleibenden Ernteerträge. Staubstürme fegen über das Land. Sie verstopfen die Lungen und künden vom langsamen Sterben des Planeten. Einer derjenigen, die dem kargen Boden über endlose Maisfelder die letzten Nährstoffe entlockt, ist der ehemalige NASA-Pilot Cooper (Matthew McConaughey, „Dallas Buyers Club“). Der verwitwete Landwirt lebt mit Schwiegervater Donald (John Lithgow, „Dexter“) auf einer Farm und versucht den Forscherdrang an seine beiden Kinder weiterzugeben.

Die wissenschaftliche Neugier hat vor allem die zehnjährige Murph (Mackenzie Foy, „Conjuring – Die Heimsuchung“) gepackt, die im Haus eine geisterhafte Macht wähnt. Während eines Sturms glaubt Cooper Gravitation als Ursache zu erkennen und stößt auf Koordinaten, die ihn zu einer geheimen Forschungseinrichtung der NASA führen. Dort arbeitet Professor Brand (Nolan-Dauergast Michael Caine) an der Erkundung fremder Welten, um einen geeigneten Ersatzplaneten zur Ansiedlung der Menschheit zu erschließen. Da fähige Piloten für den Einsatz rar sind, wird kurzerhand Cooper verpflichtet, der die Familie zurücklassen muss, um ihnen eine Zukunft bieten zu können.

Soweit zum üppig auserzählten Einstieg, mit dem Nolan das Szenario einer siechenden Erde detailreich ausgestaltet. Die Besonderheit liegt dabei im Verzicht auf Computerbilder. Die gewaltigen Maisfelder oder Technikhallen wurden eigens für die Produktion angelegt bzw. gebaut und entstanden nicht wie mittlerweile üblich am Rechner. Es ist diese Akribie und dies größtmögliche Gefühl von Realitätsnähe und Nachvollziehbarkeit, die „Interstellar“ prägen. Und natürlich das angemessen zurückhaltende Spiel der erlesenen Besetzung – darunter auch Wes Bentley („American Beauty“), Casey Affleck („Gone Baby Gone“) und Ellen Burstyn („The Fountain“). Große Schauwerte braucht es dazu nicht. Die kommen, in gemäßigter Dosierung, erst in der zweiten Hälfte zum Tragen.

Wenn das kleine Team um Cooper und Brands Tochter (Anne Hathaway, „The Dark Knight Rises“) durch ein mysteriöses Wurmloch in eine fremde Galaxie vorstößt, wandelt sich das Drama zum Thriller. Drei Planeten sollen erkundet werden, zu denen Jahre zuvor bereits Wissenschaftler vorgedrungen sind, um die Möglichkeiten einer Besiedelung zu untersuchen. Deren vielversprechendster wird von Dr. Mann (Matt Damon, „Elysium“) bewohnt, entpuppt sich aber als karge Eiswüste (gedreht wurde in Island). In der Aushebelung von Raum und Zeit vergehen über solche Episoden auf der Erde Jahrzehnte, so dass die erwachsene Murph (Jessica Chastain, „Zero Dark Thirty“), nun selbst Wisenschaftlerin, mit Brands Vermächtnis hadern darf.

Der von Nolan auch produzierte und mit Bruder Jonathan geschriebene Film verweigert sich konventionellen All-Abenteuern mit beachtlicher Konsequenz. Das verdeutlicht bereits die Lauflänge von rund 170 Minuten. Tempo stellt sich nur phasenweise ein, wenn sich die Lage für Cooper und Murph in paralleler Szenenmontage zuspitzt. Mit Zeitreise, fünfter Dimension und schwarzem Loch wirkt das faszinierende Gesamtwerk inhaltlich bisweilen überfrachtet und überdies verkopft. Doch steht Nolans nicht immer nachvollziehbare Weltraum-Poesie dem Meilenstein „2001 – Odyssee im Weltraum“ deutlich näher als zeitgemäßem Bombastkino. Ein durchaus schwerer Brocken also, in dessen Tiefe man sich aber trefflich verlieren kann. Nur wer auf Hollywood-typisches Unterhaltungskino spekuliert, wird bitter enttäuscht.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

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