Inception (USA/GB 2010)

inceptionGegenwärtig versteht sich kaum ein Filmschaffender in Hollywood begeisternder auf die Verschmelzung von Anspruch und Unterhaltung als Christopher Nolan. Bereits mit seinem Durchbruch „Memento“ hebelte er dramaturgische Konventionen rigoros aus. Mit „Batman Begins“, mehr noch dem Nachfolger „The Dark Knight“, kam er zu Blockbuster-Ehren, die Publikum und Kritiker gleichsam in Verzückung versetzten. Gerade weil Nolan immer wieder aus dem engen Korsett des bloßen Unterhaltungsfilms ausbricht. Veranschaulicht wird dies vor allem durch die Werke, die er nach den „Batman“-Abenteuern drehte.

Erst war da „The Prestige“, ein so eigenwilliges wie kunstvolles Drama um zwei rivalisierende Magier. Maßstäbe allerdings setzt „Inception“, ein vielschichtiger Science-Fiction-Thriller, der das Spiel mit der Illusion des Seins in einer hochkomplexen wie schier hypnotisch faszinierenden Geschichte auflöst. Die dreht sich um Cobb (gewohnt spielstark: Leonardo DiCaprio, „Shutter Island“), der mit Partner Arthur (Joseph Gordon-Levitt, „(500) Days of Summer“) in die Träume von Menschen eindringt und als futuristischer Industriespion ihre Ideen stibitzt. „Inception“ aber bedeutet „Anfang“. Gemeint ist der Beginn einer Idee, die der Zielperson sorgsam in den Kopf gepflanzt wird und die ohne Kenntnis der Manipulation wächst und sich verfestigt.

In Auftrag gibt diese risikoreiche Umkehrung ihrer eigentlichen Profession der japanische Geschäftsmann Saito (Ken Watanabe, „The Last Samurai“). Er will den schärfsten Konkurrenten aus dem Geschäft drängen, indem Robert Fisher (Cillian Murphy, „Sunshine“) nach dem Tod des Vaters der Drang überkommt, den vererbten Weltkonzern zu anderen Ufern zu führen. Arthur ist skeptisch. Cobb aber willigt ein. Denn als Entlohnung verspricht ihm Saito die gefahrlose Rückkehr in die USA, wo er wegen des Freitods seiner Frau Mal (Marion Cotillard, „Public Enemies“) polizeilich gesucht wird. Seine Kinder musste er zurücklassen. Sie wiederzusehen, ist Cobbs einziger Antrieb.

Trotz der ungemeinen Komplexität verknüpft Nolan die Handlungsebenen nachvollziehbar. Auf gesteigertes Tempo setzt er nicht. Der knapp zweieinhalbstündige Film lässt sich Zeit, führt mit der jungen Ariadne (Ellen Page, „Juno“) die zwingend benötigte Architektin der beliebig gestaltbaren – und in Teilen atemberaubend konzeptionierten – Traumwelten ein und widmet sich über Andeutungen dem Kern von Cobbs Schuldkomplexen. Der eigentliche Auftrag führt ihn und sein Team (u.a. Tom Hardy, „Bronson“) in verschiedene Traumstadien und Bewusstseinsebenen, in denen Fisher behutsam gegen das Erbe des Vaters gerichtet wird.

Der Dreh an der Spannungsschraube vollzieht sich gemächlich, in brillanten Bildern, mit großartigen Effekten. Das Publikum verliert sich in verschiedenen Scheinrealitäten und der zunehmenden Bedrohung durch Cobbs einschreitendes Unterbewusstsein. Um den Anschein des Blockbusters zu wahren setzt es James Bond-typische Action im Schneegestöber. Aber selbst die ist nur Einbildung. Schließlich ist „Inception“, in einer Nebenrolle mit Altstar Michael Caine (gab in Nolans „Batmans”-Filmen Butler Alfred) versehen, nicht kurzweilig und erst recht kein geistig verödetes Popcornkino. Dafür toppt Nolan seinen erhellend originellen Thriller mit einer Schlusssequenz, deren abrupter Abbruch das illusorische Vexierspiel nachhaltig auf die Spitze treibt. Man darf wahrlich gespannt sein, welches Projekt Nolan seinem dritten „Batman“-Film folgen lässt.

Wertung: (9 / 10)

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