I’m Still Here (USA 2010)

im-still-hereFrüh kam der Verdacht auf, der Rückzug von Schauspieler Joaquin Phoenix („Walk the Line“) aus dem Filmgeschäft wäre fingiert. Exzentrische Wesenszüge und Verhaltensweisen sind bei Prominenten nichts Ungewöhnliches, sondern fester Bestandteil im Buhlen um öffentliche Wahrnehmung. Sie prägen einen Starstatus, der den eigentlichen Menschen hinter die relative Kunstfigur im Rampenlicht zurückdrängt. Phoenix‘ Ankündigung, sich künftig auf eine Karriere als Rapper konzentrieren zu wollen, stieß auf gesunde Skepsis. Über fast zwei Jahre hielt er diese Fassade aufrecht, verwandelte sich in einen aufgedunsenen vollbärtigen Schrat und sorgte wiederholt für Eklats.

Ben Afflecks Bruder Casey, als Schauspieler unter anderem in „Ocean’s Eleven“ und „Gone Baby Gone“ in Erscheinung getreten, hat den Wandel seines Freundes und Schwagers dokumentiert. „I’m Still Here“ ist, das wurde längst aufgeklärt, Schwindel – eine Mockumentary. Phoenix wollte aus der Rolle ausbrechen, die er jenseits seiner Privatsphäre vor den Kameras von Presse und Weltöffentlichkeit spielt. Das gelingt ihm eindrucksvoll, wenn am Ende auch fraglich bleibt, was das Ganze eigentlich soll. Dennoch macht es Spaß ihn bei seinem Blendwerk zu begleiten und die immer absurdere Züge annehmende Verwandlung zu erleben.

Deren öffentlicher Höhepunkt war der wortkarg kauzige und viel diskutierte Auftritt bei David Letterman im Februar 2009. Mittlerweile ist bekannt, dass der Talkmaster eingeweiht war. Seine Wirkung verfehlte der Wahnwitz jedoch nicht. Weder für das Publikum, noch für die Medien, die sich auf jeden Skandal stürzen wie ein Rudel Hyänen auf das Aas in der Steppe. Ihre Sicht wiederum wird als Wirklichkeit verkauft. Nur lässt sich aus der reinen Summe verschiedener Lügen keine Wahrheit destillieren. Höchstens eine Scheinrealität. Gegen genau diese begehren Phoenix und Affleck mit beachtlicher Konsequenz auf. Geschadet haben dürfte beiden dieser Feldversuch nicht.

Bei Phoenix ist der Bart ab, die Pfunde sind runter. Vom Rappen wird er zukünftig wohl auch Abstand nehmen. Allerdings sind seine Versuche, Sean ´P. Diddy´ Combs als Produzent zu gewinnen, sehr amüsant. Die wenigen Auftritte vor Publikum münden in Handgreiflichkeiten, der Weg in die Isolation ist geprägt von fragenden Gesichtern diverser Schauspielkollegen. Und natürlich Huren und Koks. Freundschaften zerbrechen, das (fingierte) Seelenleben wird nach außen gekrempelt. Am Ende folgt Phoenix den Spuren seiner Kindheit. In einem Flusslauf in Panama kehrt er der Kamera den Rücken zu und marschiert der Selbsterkenntnis entgegen, bis er einfach abtaucht. Ein in seiner Gesamtheit zehrender, aber ebenso irrwitziger wie gelungener Filmversuch.

Wertung: (7 / 10)

 

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