Joker (USA/CAN 2019)

„I used to think that my life was a tragedy, but now I realize, it’s a fucking comedy.“ – Arthur Fleck

Es gibt Filme, die leben allein von der Präsenz ihres schauspielerischen Zentralgestirns. Die Darbietung jener Hauptdarstellerin oder jenes Hauptdarstellers überflügelt einfach alles – Inszenierung, Co-Stars, Stärken, Schwächen. Egal. Unwichtig. Denn es zählt nur eins: Die tragende Performance, das Ein-Personen-Kunststück, das neben sich keine andere Attraktion duldet. Trotz aller ihn umwehenden Exzentrik (siehe „I’m Still Here“) dürfte es Charakterdarsteller Joaquin Phoenix kaum auf dies Auskommen angelegt haben. Und dennoch: „Joker“ ist sein Film. Durch eine Performance, die den Schluss einer gewissen Selbstaufgabe des Menschen hinter der Rolle nahelegt.

Der zurecht mit dem Oscar als bester Hauptdarsteller ausgezeichnete Phoenix legt in faszinierender Weise ab, wer er ist, um jenen Miet-Clown Arthur Fleck beim Abstieg in den Wahnsinn zu verkörpern. Am Ende, das ist kein Geheimnis, wird der (als alleinstehende Geschichte ohne echten Bezug zum Gesamtkosmos versehene) Grundstein für den markantesten Gegenspieler gelegt sein, den Superheld Batman je haben wird. Aber der Reihe nach: Anfangs ist Arthur, der auf den Straßen von Gotham City zu Beginn der 1980er kostümiert Werbeschilder in die Höhe reckt oder krebskranke Kinder im Krankenhaus erheitert, ein buchstäbliches Nichts. Am Rande der Gesellschaft staut er seinen Frust und seine Enttäuschung auf, während er die gebrechliche Mutter (Frances Conroy, „American Horror Story“) pflegt. Dabei wirkt er wie eine Hommage an Travis Bickle, jenen zur Waffe greifenden Außenseiter im Kinoklassiker „Taxi Driver“ (1976).

Dessen Hauptdarsteller Robert De Niro ist ebenfalls Teil des „Joker“-Ensembles. Oder besser: des mimischen Beiwerks in Phoenix‘ Orbit. Als Late-Night-TV-Star Murray Franklin ist er Projektionsfläche für Arthurs Träume, die er als Gagschreiber und Stand-Up-Komiker zu verwirklichen versucht. Erfolglos. Zu sehr haftet dem an zwanghaften Lachanfällen und einer psychotischen Störung leidenden Arthur das Traurige an. Und das Abgründige. So ist der Weg zum Kriminellen von Rückschlägen, Erniedrigungen und letztlich der familiären Entwurzelung gepflastert. Beim letztgenannten Aspekt kommt der für das Bürgermeisteramt kandidierende Unternehmer Thomas Wayne (Brett Cullen, „Lost“) zum Tragen, Vater des noch kindlichen Bruce (agierte neben Phoenix auch in „A Beautiful Day“: Dante Pereira-Olson).

Dass die späteren Erzfeinde Batman und Joker erstmals aufeinandertreffen, ohne die Tragweite ihrer (zumindest für den Jungen) verstörenden Begegnung vorausahnen zu können, ist der Anhängerschaft des bestenfalls peripher aufgegriffenen Comic-Kosmos ein willkommener Ankerpunkt. Ansonsten aber bleibt der bislang vorrangig auf heitere Stoffe abonnierte Regisseur und Co-Autor Todd Phillips („Hangover“) nahezu gänzlich bei Arthur, dem selbst die Beziehung zu Nachbarin Sophie (Zazie Beetz, „Deadpool 2“) nur Augenöffner dafür ist, sich der in ihm brodelnden Manie hinzugeben. Zu sich selbst findet der Joker erst, als er, frei von allen moralischen Fesseln, zum Mörder wird und – verfolgt von der Polizei (u. a. Shea Whigham, „Boardwalk Empire“) – zum Sinnbild des sozialen Aufbegehrens avanciert.

Dass sich die Vollendung der Metamorphose, vom depressiven Zweifler zum ausgewachsenen Psychopathen, über Franklins Fernsehshow vollzieht, mag dramaturgisch simpel erscheinen. Doch braucht „Joker“ diese Quasi-Klimax, um dem Anti-Spaßmacher eine Bühne zu bieten, die ihm öffentliche Aufmerksamkeit beschert. Dieser gegen den gängigen Blockbuster-Trend gestrichenen Zurückhaltung entspricht auch die schroffe, in ihrer Anmutung deutlich ans Kino der 70er angelehnte Umsetzung (samt klassischem Warner-Logo). Prägender Teil davon ist das visuelle Spiel mit Treppenauf- und -abgängen als auslotendes Sinnbild von Arthurs Gefühlshorizont, das seinen Höhepunkt im ikonischen Treppentanz findet. Gerade der zeigt, dass der famos aufspielende Phoenix alles überstrahlt. Mehr noch als Heath Ledgers posthum Oscar-gewürdigte Joker-Darstellung eine Performance für die Ewigkeit.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

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