Restrepo (USA 2010)

restrepoKino bedeutet Distanz. Egal wie schwer filmisch aufbereitete Stoffe auch wiegen, die Gewissheit, dass alles nur gespielt ist, steht als Puffer stets zwischen Werk und Publikum. Aufgeweicht, im Idealfall aufgehoben, wird er im Dokumentarfilm. Natürlich lassen sich Bilder manipulieren und in tendenziöser Manier emotionalisieren. In aufgeklärten Gesellschaften bleibt das Spiel mit Überspitzung, Polemik und Propaganda aber (meist) durchschaubar. In ihrer ungeschminkten Direktheit versperren Filme wie „Restrepo“ daher den sicheren Ausweg des Zuschauers.

Frei von Pathos und jenseits vorgefertigter Messages werden sie zur Innenansicht dessen, was in Freiheit lebende Gesellschaften höchstens durch die Nachrichten erfahren. Sebastian Junger (Autor der Buchvorlage von Wolfgang Petersens „Der Sturm“) und Fotograf Tim Hetherington reisten 2007 im Auftrag der Vanity Fair nach Afghanistan, wo sie die Soldaten des 503. Infanterieregiments der 173. Airborne Brigade für eineinhalb Jahre bei ihrer Mission filmten, einen Außenposten im Korengal-Tal zu besetzen. Der Posten liegt jenseits der von internationalen Streitkräften kontrollierten Gebiete. In den umliegenden Bergen haben die Taliban das Sagen.

Der Auftrag der Soldaten bleibt vage. Gezielte Patrouillen bedeuten eine Provokation des Feindes. Andererseits soll die Interaktion mit den umliegenden Dörfern den humanitären Wert der Mission deutlich machen. Aber die Kommunikation mit den Siedlungsältesten ist schwierig. Wer hätte auch geglaubt, tradierte patriarchale Lebensbedingungen ließen sich mit Auftauchen bewaffneter Truppen aus dem Westen aufbrechen? Zwischen den Bildern vom Alltag im Lager, das immer wieder aus der Ferne attackiert wird, kommen ein paar der Männer in Interviewsequenzen zu Wort, die nach der Rückkehr in die Heimat aufgezeichnet wurden.

Das dabei offenbarte Ringen um Fassung und die zeitweilige Sprachlosigkeit konnten sich die Soldaten während des Einsatzes nicht erlauben. Dem Schweigen stehen daher die Bilder des Einsatzes gegenüber, die auf beklemmende Weise die stete Anspannung transportieren. Den erschütternden Höhepunkt erreicht diese bei einem ausgedehnten Außeneinsatz, von dem nicht alle Beteiligten lebend zurückkehren. Die Eingangssequenz zeigt eine Gruppe auf dem Weg in die Fremde, gegenseitiges Aufputschen und gemeinschaftliche Witze. Vor allem von Juan ´Doc´ Restrepo. Nach ihm wird der Außenposten benannt. Er ist einer der ersten, die ihr Leben verlieren.

Es geht nicht um politische Dimensionen oder Aufklärung. „Restrepo“ zeigt Menschen in Uniform, die die Freiheit der westlichen Welt am Hindukusch verteidigen. Inklusive ritueller Männlichkeitsbekundungen, Video-Ballerspielen und dem Warten. Auf den Feind, auf Ablösung und das Ende der Mission. Die Kamera bleibt stets kaum beachtetes Beiwerk, was die Worte und Handlungen der Gezeigten unverkrampft wirken lässt. Der Blick bleibt wertfrei, auch durch den Verzicht auf Off-Kommentare. Der Versuch, den Krieg visuell und auch emotional erfahrbar zu machen, glückt Junger und Hetherington, der 2011 in Lybien getötet wurde, mit Bravour. Nur Distanz sollte der Zuschauer bei diesem beeindruckenden Oscar-nominierten Film nicht erwarten.

Wertung: (8 / 10)

 

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