Der letzte Mohikaner (USA 1992)

der-letzte-mohikanerDer blutige Krieg um die Gründerzeit Amerikas findet im US-Bewusstsein, als dessen Mittler oftmals das Kino fungiert, nur bedingt statt. Der Kampf um die Vorherrschaft in der neuen Welt, weitgehend ausgefochten zwischen Engländern und Franzosen, appelliert weniger an das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl, als es die Historie um, mehr noch die nach der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung von 1776 täte. Roland Emmerich hielt das bei „Der Patriot“ nicht vom Bad in schwülstigem Pathos ab. Schließlich will ein solcher Kontext mit standesgemäßem Nationalstolz präsentiert werden. Dass es auch anders geht, bewies Michael Mann zuvor mit „Der letzte Mohikaner“, einem nur scheinbar nach gängigen Mustern gestrickten Abenteuerfilm.

Der Regisseur huldigt dem klassischen Stoff auf seine Weise, indem er James Fenimores Coopers populäre wie oft verfilmte Vorlage zum großen Drama aufzieht. Oscar-Preisträger Daniel Day Lewis („Mein linker Fuß“) ist darin Nathaniel, genannt Hawkeye, der von Indianern aufgezogene Weiße. Mit seinem Ziehvater Chingachgook (Russell Means, „Natural Born Killers“) und dessen Sohn Uncas (Eric Schweig, „The Missing“) bildet er das Überbleibsel des Stammes der Mohikaner. Mehr zufällig werden sie in die Kampfhandlungen verstrickt, als sie die englischen Offizierstöchter Cora (Madeleine Stowe, „Blink“) und Alice (Jodhi May, „The Escapist“) sowie deren Beschützer Heyward (Steven Waddington, „Sleepy Hollow“) vor dem Zugriff mit den Franzosen paktierender Indianer bewahren. Deren Anführer ist der vom Hass auf die Briten zerfressene Hurone Magua (Wes Studi, „Der mit dem Wolf tanzt“).

Für Mann wäre es ein leichtes gewesen, zugunsten der Erreichung eines breiteren Publikums auf die teils ruppige Gewalt zu verzichten. Aber er will nicht nur das packende Historienspektakel, sondern auch das greifbare Zeitkolorit. Und das definiert sich eben nicht nur über die Authentizität von Kostümen und Bauten, auch die zeitgemäße Wundzeichnung ist ein Bestandteil dieser Umschreibung. Im weiteren Verlauf schlagen sich Hawkeye und seine Begleiter zum belagerten Fort von Colonel Munro (Maurice Roëves, „The Dark“) durch, dem Vater der geretteten Frauen. Dort brechen neue Konflikte durch, gerade im Bezug auf die Siedler der nahen Grenzgebiete, denen im Falle eines Angriffs auf ihr Land der Abzug zugesichert wurde. Doch Munro denkt nicht daran die Männer gehen zu lassen. Hawkeye verhilft ihnen zur Flucht und wird zum Tode verurteilt. Auch die ihm zunehmend näher stehende Cora vermag ihren Vater nicht umzustimmen.

Trotz guter Darstellerleistungen lebt der Film von den atmosphärischen Bildern Dante Spinottis („L.A. Confidential“). Sie zeigen Gegensätze auf, was war und sein wird. Besonders deutlich wird dies am Panorama unberührter Landschaften, dem brach liegende Schlachtfelder gegenüber stehen, frühe Vorboten der Industrialisierung, die ihre Schatten verbrannter Erde vorauswerfen. Die Ureinwohner kehren den Spieß vorerst um. Weil Munro die Verstärkung der eigenen Truppen versagt bleibt, muss er vor dem Feind kapitulieren. Die Franzosen gewähren ihnen freien Abzug. Doch Magua gibt sich mit der Waffenruhe der Weißen nicht zufrieden. Im Kampfestrubel kann Hawkeye entkommen. Doch er, seine Stammesbrüder und die Töchter Munros werden erbarmungslos gejagt.

Michael Mann schuf kein familientaugliches Wohnzimmerabenteuer im Stile alter Lex Barker-Schinken, er kreierte ein aufwendig gestaltetes und vom Ballast eines patriotischen Rührstücks weitgehend befreites Opus. Die Musikkompositionen von Randy Edelman („Gods and Generals“) und Trevor Jones („From Hell“) unterstreichen das Epos, nähren jedoch nicht das Pathos. Verzeihlich erscheint da die beizeiten gehetzt wirkende Erzählform. Der ganz große Wurf gelang dem Regisseur hier (noch) nicht. Dank imposanter Stimmungsbildung und einem Finale von angenehm unkonventioneller Schwermut konnte er seinen Ruf als aufregender Filmemacher, der die Bauart des klassischen Erzählkinos in die Moderne zu übertragen versteht, dennoch festigen. Aus ihr gingen spätere Meisterwerke wie „Heat“ oder „The Insider“ hervor.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

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