Der gute Hirte (USA 2006)

der-gute-hirteUm einen hartnäckigen Irrtum gleich vorneweg auszuräumen: „Der gute Hirte“ beschreibt nicht den Aufbau der Central Intelligence Agency, kurz CIA, sondern das fiktive Schicksal eines Mannes, der an der Einrichtung des amerikanischen Nachrichten- und Geheimdienstes beteiligt war. Matt Damon („Departed – Unter Feinden“) spielt diesen emotionslosen Bürokraten, namentlich Edward Wilson, mit geisterhafter Zurückhaltung. Der Schauspieler tritt hinter der von ihm verkörperten Rolle zurück. Bei Damon ist das eine Seltenheit. Nicht nur deshalb zählt der Film zu seinen bisher stärksten.

So brillant Robert De Niro („Wie ein wilder Stier“) als Schauspieler auch sein mag, als Regisseur ist er ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Sein zweiter Film, 13 Jahre nach dem Debüt „In den Straßen der Bronx“ produziert, ist ein überlanges Epos um Prinzipientreue und die Degradierung des Individuums unter den Dienst fürs Vaterland. Die gescheiterte Landung vom CIA unterstützter Exilkubaner in der Schweinebucht im April 1961 bildet die Klammer, die mit der Suche nach einem Verräter in den eigenen Reihen für Wilson in einer persönlichen Tragödie gipfelt.

Die Stationen im Leben des Staatsknechts positioniert De Niro in einem visuell bestechenden Bilderbogen um diese Ermittlungsarbeiten. Es gibt Hinweise auf den Informanten, deren Nachforschungen Tatsachen ans Licht bringen, die Wilson in einen Gewissenskonflikt stürzen werden. Doch ist es, zumindest aus Sicht der amerikanischen Regierung, ein Segen, dass er den Dienst am Staatswesen stets über alles setzt. Darunter leidet nicht nur seine persönliche Entwicklung, sondern allen voran das Verhältnis zu seiner Frau (Angelina Jolie, „Alexander“) und seinem Sohn (Eddie Redmayne, „Savage Grace“).

Beachtlich, mehr noch erstaunlich ist die Vielzahl namhafter Akteure, die für Regisseur und Nebendarsteller De Niro selbst in winzigen Gastrollen vor die Kamera treten. Solche wie Alec Baldwin („Glengarry Glen Ross“), Joe Pesci („Goodfellas“), William Hurt („A History of Violence“), John Turturro („Barton Fink“), Timothy Hutton („Kinsey”), Billy Crudup („Almost Famous”) oder Michael Gambon („Open Range”). Selbst Martina Gedeck („Elementarteilchen“) ist im Nachkriegsdeutschland als Wilsons Angestellte zu sehen. Sie alle agieren mit gewohnter Ausdrucksstärke, wenn manch ein solcher Auftritt in seiner Kürze auch überflüssig erscheint.

Die Rückblicke auf die Karrierestationen des grauen Bürokraten vollziehen sich als historischer Etappenlauf. Der Zündstoff verbleibt unter der Oberfläche. Autor Eric Roth, für „Forrest Gump” mit dem Oscar ausgezeichnet, verzichtet auf eine plakative Hollywooddramaturgie und gewährt einer nüchternen Erzählung den Vorrang, die sich mit Bedacht dem Intrigen- und Verwirrspiel internationaler Geheimdienste zuwendet. Die Ambition bleibt ehrbar, doch entzieht dies trockene Bildnis dem mitunter arg gedehnten Werk die Spannung.

De Niro fehlt das Gespür für die Straffung. Etwas weniger Intimität hätte dem komplexen, mitunter anstrengenden Spionage-Thriller gut zu Gesicht gestanden. Statt dessen sollen es die ausladenden Gesten, die großen Gefühle sein. Die stoische Hauptfigur aber trägt diese nicht. So verzettelt sich der Film im Detail und bleibt mancherorts doch zu wenig greifbar. Das Gesamtbild überzeugt, wenn es auch kein Massenpublikum zufriedenstellen wird. Dem eigenen Anspruch wird die inhaltlich hochinteressante Basis nicht immer gerecht. Es bleibt eine sperrige Politparabel zwischen Faszination und Langatmigkeit.

Wertung: (6,5 / 10)

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