Anonyma – Eine Frau in Berlin (D/PL 2008)

anonyma-eine-frau-in-berlinKriegsgräuel gegen die Zivilbevölkerung waren aus deutscher (Opfer-)Sicht lange ein Tabuthema. Aus Scham, im Osten erst Recht durch die politische Nähe zum alten Kriegsfeind. In den Fünfzigern erschienen erstmals die Tagebuchaufzeichnungen einer anonymen Berlinerin, die 1945 vielfach von russischen Soldaten vergewaltigt wurde, sich später um des eigenen Überlebens willen gar prostituierte. Als Skandal wurden die nüchternen Schilderungen aufgefasst, als Affront gegen Bild und Rolle der deutschen Frau. Bis heute ist die Identität der Verfasserin nur wenigen Eingeweihten bekannt.

Auf Grundlage dieser Berichte hat Max Färberböck („Aimée und Jaguar“) einen Film geschaffen, der versucht die Massenschändungen zu verurteilen, ohne die Täter an breiter Front zu geißeln. Es wird ja schließlich auch die Andeutung der horriblen Verbrechen nicht vergessen, der sich die Nazi-Truppen auf ihren imperialen Vorstößen schuldig gemacht haben. Dort liegt das große Manko. „Anonyma – Eine Frau in Berlin“ wirkt zu zahm. Nicht zwingend in der Darstellung, die Leidenswege im Ostberliner Frauenhaus gehen zweifelsohne nahe, aber doch im Ton insgesamt.

Anonymas Kommentare sind in Schriftform kühl, nahezu sachlich. Die aufwändig gestaltete Kinoproduktion kann und will diesem Erzählrhythmus nicht folgen. Also wird emotionalisiert, wo immer es legitim erscheint. Färberböck will aufwühlen. Hauptdarstellerin Nina Hoss („Die weiße Massai“) erweist sich dabei als Idealbesetzung. Sie spielt die Namenlose als Opfer grausamer Umstände. Dass sie zwar ihrer Würde beraubt wird, nicht aber ihres Willens, ist Hoss’ beeindruckender Gesamtleistung zu verdanken. Jedoch trübt das Pathos der Inszenierung, die arg gewollt wirkende Bedeutungsschwere von Gesten und Blicken, ihre Präsenz.

Um das eigene Leid zu steuern, gibt sich Anonyma einem russischen Major (Yevgeni Sidikhin, „Leningrad“) hin. Der hat für die anfänglichen Proteste wenig übrig. Im Einzelfall, so sagt er, dauert der „Schändungsbetrieb“ doch nur ein paar Minuten. Trotzdem entwickelt sich eine Beziehung, an deren Ende sie dankbar dafür ist, ihn kennengelernt zu haben. Dem eigenen Gatten (nur Beiwerk: August Diehl, „Die Fälscher“) wird so viel Achtung nicht zuteil. Zurück aus der Gefangenschaft, scheint er nicht in den zerrütteten Schatten eines zivilen Lebens zurückzufinden. Trostlosigkeit allerorten. Aber wo ist das Ziel, wo die diskursive Wucht? Dem Film mangelt es an Kraft. Gerade in der Aussage. Bei aller Schwere ein zu geschliffenes Drama.

Wertung: (6 / 10)

 

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