Wolfen (USA 1981)

wolfen„Nature works, we don´t.”

Mit dem explosionsartigen Boom des animalischen Horrorfilms Mitte der siebziger Jahre stellte sich schnell Routine ein. Die Konzepte wiederholten sich, ebenso die Gattungen todbringender Tiere. Einer der wenigen mit der Konvention dieses Sub-Genres brechenden Beiträge ist Michael Wadleighs „Wolfen“. Bei der 1970 veröffentlichten Kinodokumentation zum legendären Musikfestival in Woodstock hatte Wadleigh die Posten von Regisseur, Kameramann und Cutter bekleidet. Elf Jahre später folgte mit „Wolfen“ seine letzte Arbeit für die große Leinwand. Nach seiner Kinokarriere verdingte er sich angeblich als Busfahrer.

„Wolfen“ ist eine hervorragend besetzte und exzellent gefilmte Parrabel über das menschliche Selbstverständnis als Krone der Schöpfung. Basierend auf einem Roman von Whitley Strieber beginnt der Film mit einer bizarren Bluttat. Im New Yorker Battery Park werden des Nachts der mächtige Industrielle van der Veer sowie dessen Frau und Leibwächter regelrecht abgeschlachtet. Während die Polizei einen terroristischen Hintergrund vermutet, hegt der kompetente, durch seine Trunksucht jedoch aus dem Dienst entfernte Polizeioffizier Dewey Wilson (Albert Finney, „Miller’s Crossing“) Zweifel an der Theorie.

Mit der Psychologin Rebecca Neff (Diane Venora, „The Insider“) und dem Gerichtsmediziner Whittington (Gregory Hines, „The Cotton Club“) stößt Wilson auf Ungereimtheiten und offene Fragen. Was bedeuten die Wolfshaare, die sowohl am Tatort als auch bei mehreren Leichen in den Armenvierteln der Bronx gefunden werden? Welche Rolle spielt der radikale Ureinwohner Eddie Holt (Edward James Olmos, „Blade Runner“)? Je näher die Ermittler bei ihren Untersuchungen einer Lösung kommen, desto unglaublicher scheint deren Hintergrund – Wölfe in der Großstadt.

Parallel zu „Wolfen“ startete auch John Landis’ Gruselstreifen „American Werewolf“ in den Kinos. Während Landis trotz moderner Inszenierungsmerkmale die Spezifik des Genres beibehielt, gleitet Michael Wadleighs bemerkenswerter Film in eine andere Richtung. Das Rudel wilder Wölfe, welches in den Slums von New York ihr Jagdrevier verteidigt, wird nur aus dem Grund zur Bedrohung für den Menschen, weil dieser ihren Lebensraum zerstörte. Der Zuschauer selbst taucht in die Sichtweise der Tiere ein, wenn die subjektive Kamera in verfremdeter Wahrnehmung zu ausgedehnten Beutezügen lädt.

Gegen die geschärften Sinne der Wölfe haben die menschlichen Verfolger trotz technischer Überlegenheit keine Chance. Obwohl nie deutlich ausgesprochen, stellt Dewey seine Wahrnehmungsfähigkeit in Frage. Unterstrichen wird dieser subtile Aspekt durch reflektierende Oberflächen oder verzerrten Spiegelungen. „Wolfen“ lebt vom kongenialen Zusammenspiel aus Bild, Schnitt und der Musik James Horners („Der Name der Rose“). Der surreal anmutende Film setzt seine Kraft mit Bedacht ein. Die Dialoge sind treffend, keine Szene dient der bloßen Beanspruchung von Spielzeit. So gelang Michael Wadleigh ein fast vergessenes Meisterwerk, sozialkritisch, blutig und von verstörendem Weitblick.

Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)

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