Vital (J 2004)

vitalSich überlagernde Aufnahmen qualmender Industrieschlote, dazu psychedelisch anmutender Instrumentalsound. Shinya Tsukamoto will verstören, das macht er gleich zum Auftakt seines mysteriösen Dramas „Vital“ unmissverständlich klar. Doch anders als bei „Tetsuo“ oder „Tokyo Fist“ prasseln Bilder und Schnittfolgen nicht bis zur Erschöpfung auf den Zuschauer ein. Der exzentrische Regie-Künstler findet einen elegischen Mittelweg, der die schmerzhafte Suche eines verunfallten Medizinstudenten nach der eigenen Vergangenheit zur feinfühligen Grenzerfahrung macht.

Nach den Schornsteinen ist es das Gesicht von Hiroshi (Tadanobu Asano, „Der Mongole“), um das die Kamera kreist. Bei einem Autounfall verlor er sein Gedächtnis. Im Haus der Eltern fällt ihm ein Buch über Anatomie in die Hände, das seine Leidenschaft für die Lehre von Krankheit und Körper neuerlich entfacht. Die Universität bietet ihm Schutz, einen Kokon, in dem er sich abschotten kann. Kommilitonin Ikumi (Kiki, „Starfish Hotel“) scheint von ihm fasziniert, doch er würdigt sie kaum eines Blickes. Als er einen Autopsiekurs absolviert, kehren mit jedem Schnitt in den leblosen Körper einer jungen Frau Erinnerungen zurück.

Die Verstorbene entpuppt sich als Ryôko (Nami Tsukamoto), seine Geliebte, die bei jenem schicksalhaften Unfall starb. Bald wandelt Hiroshi zwischen den Welten, nicht in der Lage sich von ihr zu lösen. Er entwickelt eine Besessenheit für Ryôkos Körper, der neben den Eltern auch die Dozenten beschäftigt. Doch über den Tod findet der Student letztendlich ins Leben zurück. Diesen Prozess der Selbstfindung veredelt Filmemacher Tsukamoto mit für ihn typischen Stilmitteln. Da ist die agile Handkamera, der Rhythmus der Bildmontage und nicht zuletzt der Kontrast so dunkler wie schmutziger Kulissen.

Ihnen jedoch stellt er satte Farben entgegen, Panoramen von Strand und Wiese. Neben den Schatten verfügt „Vital“ über viel Licht, das eine lebensbejahende Tonalität fördert, die das kunstvolle Werk bis zum Schluss begleitet. Die unbequeme Atmosphäre ergibt sich aus der Undurchsichtigkeit. Von konventionellem Kino ist der Film weit entfernt. Bei aller Kunstfertigkeit fällt die Rezeption jedoch nicht leicht. Oft distanziert und kühl, dazu entrückt und langatmig schafft Tsukamoto ein konzentriert kopflastiges Drama, das dem Betrachter einiges abverlangt. Wer das zu schätzen weiß, der sollte die traurige Ode an das Leben unbedingt für sich entdecken.

Wertung: (6,5 / 10)

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