Neukölln Unlimited (D 2010)

neukoelln-unlimitedIm bundesdeutschen Bewusstsein ist Berlin Neukölln der Inbegriff der Chancenlosigkeit. Hier steht die Rütli-Schule, hier wohnen die kriminellen Ausländer. So weit zum Klischee. Agostino Imondi und Dietmar Ratsch stellen solchen Vorurteilen ihren Dokumentarfilm „Neukölln Unlimited“ entgegen. In dem widmen sich die Filmemacher der libanesisch-stämmigen Familie Akkouch, die zwischen Angst vor der Abschiebung und der kreativen Entfaltung der Kinder versucht ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Der tägliche Kampf ist hart. Doch die Akkouchs werden den Klischees (in der Hauptsache) nicht gerecht. Der älteste Sohn Hassan macht Abitur, Schwester Lial eine Ausbildung bei einem Boxpromoter. Sorgenkind ist der 14-jährige Maradona, der ständig Probleme in der Schule hat und im Fernsehen Deutschlands Supertalent werden will. Gemeinsam ist den Kindern die Liebe zur Bewegung, beim Breakdance oder zur Musik. Sie hilft die Probleme auszublenden und soll jene finanzielle Unabhängigkeit sichern, die der Familie das dauerhafte Bleiberecht garantiert.

Die erste Abschiebung fiel ausgerechnet auf Maradonas neunten Geburtstag. Das Feiern ist dem Jungen seitdem vergangen. In Trickfilm-Rückblenden wird die Ausweisung aus Hassans Sicht rekonstruiert. Das daraus resultierende Trauma und die ständige Furcht vor der neuerlichen Entfremdung sind offensichtlich. Leider werden die Einflüsse des Verlustes von Kindheit und Jugend, die Entwurzelung in eine Heimat, die lediglich das Herkunftsland der Eltern ist, nur beiläufig behandelt. Dabei wären gerade sie die spannendsten Aspekte der Geschichte gewesen.

Stattdessen gibt es reihenweise Tanz- und Gesangseinlagen, künstlerische Selbstverwirklichung und Gastspiele im europäischen Ausland. „Dance to forget“ heißt es an einer Stelle. Tatsächlich wird über das Tanzen, und mag es auch die Essenz im Leben der Portraitierten sein, der Blick auf die Familie als Ganzes vergessen. Auch geht es nicht um Neukölln. Der Bezirk ist egal. Es könnte ebenso gut Kreuzberg oder Schöneberg sein. Beeindruckend ist der weitgehend nüchterne, ohne jeden Kommentar der Macher versehene Blick auf das Verantwortungsbewusstsein der älteren Geschwister. Für die Posen ist Maradona zuständig. Ganz ohne Klischees geht es eben doch nicht.

Wertung: (6,5 / 10)

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