Vaterland (USA 1994)

vaterlandhauerZwangsläufig müssen sich Literaturverfilmungen an ihren Vorlagen messen lassen. Dabei sind sie in den meisten Fällen kaum mehr als eine freie Interpretation, die Worte versucht in Bilder zu übersetzen. Der direkte Vergleich der beiden Medien ähnelt also dem zwischen Äpfeln und Birnen. Filmadaptionen schriftstellerischer Werke sind bestenfalls ein Kompromiss, mit dem sich Leben lässt oder eben nicht. Die Geister scheiden sich sowieso an ihnen. Dahingehend ist „Vaterland“, die passable TV-Umsetzung des gleichnamigen Romans von Robert Harris (aus seiner Feder stammt auch „Enigma“), keine Ausnahme.

Das Buch bietet in der 1964 angesiedelten Alternativrealität eines den Zweiten Weltkrieg gewonnenen deutschen Reiches die außergewöhnliche Grundlage für einen politischen Thriller. In dem macht sich SS-Sturmbannführer Xaver März (im Film gespielt von Rutger Hauer, „Sobibor“), nachdem die nackte Leiche eines hohen Parteifunktionärs aus der Havel gezogen wurde, an die Aufklärung der Hintergründe. Doch der Fall wird bald der Gestapo übergeben und erhält für ihn erst Gewicht, als er Charlotte Maguire (Golden Globe-prämiert: Miranda Richardson, „The Crying Game“), eine der ersten im Reich geduldeten US-Journalisten, verhören soll. Sie wurde in der Wohnung eines weiteren ermordeten NS-Funktionärs aufgegriffen.

Charlotte verfügt über ein von unbekannter Hand an sie übermitteltes Gruppenfoto, das die Teilnehmer einer während des Krieges von SS-Obergruppenführer Heydrich einberufenen Geheimkonferenz zeigt. Nur sind diese, wie März bald herausfindet, mit Ausnahme eines gewissen Franz Luther (John Woodvine, „American Werewolf“) allesamt ermordet worden. Die Suche nach ihm und einer Wahrheit, die das deutsche Reich in seinen Grundfesten erschüttern würde, bringt die beiden bald in Lebensgefahr. Zumal die Gestapo anlässlich Hitlers 75. Geburtstag, zu dem ein Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten Joseph P. Kennedy ansteht, in höchste Alarmbereitschaft versetzt wurde.

Die Nachvollziehbarkeit des Gesamtszenarios wird durch die ausstatterische Detailfülle angefacht. Dass sich trotzdem Züge finden, die dem totalitären Charakter der nationalsozialistischen Diktatur widersprechen (das Beatles-Werbeplakat im Film beispielsweise war in Harris’ Buch strikt verboten), ist schlicht mit dem filmischen Duktus des Strebens nach Schauwerten zu erklären. Abgesehen von den mitunter deutlichen Abweichungen und der freiheitlichen Umsetzung der Vorlage, deren Intensität zu keiner Zeit erreicht wird, ist „Vaterland” ein kompetent gemachter und überzeugend gespielter Thriller mit konventioneller Auflösung. Allerdings hätte der Roman noch weit mehr hergegeben als diesen zwar sehenswerten, gerade hinsichtlich der Übertragung von einem Medium ins andere bisweilen aber auch reichlich mutlosen Kompromiss.

Wertung: (6 / 10)

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