The Visit (USA 2015)

the-visit-shyamalan„Would you mind getting inside the oven to clean it?“ – Selbst nicht ganz sauber: Nana

Früher war M. Night Shyamalan ein innovativer Filmemacher. Mit „The Sixth Sense“ (1999) definierte er den Mystery-Thriller neu und präsentierte in der Folge esoterisch übertrieben aufgeheizte, jedoch ungemein effektive Angstmacher des Kalibers „Signs“ (2002). Der finale Kniff wurde zu seinem Markenzeichen, nutzte sich jedoch bald ebenso ab wie die zunehmende Selbstinszenierung. Mit dem faden Fantasy-Märchen „Das Mädchen aus dem Wasser“ (2006), in dem sich Shyamalan in einer Nebenrolle glatt als Weltenretter aufspielte, war für viele Sympathisanten das Maß voll. Aber es sollte noch schlimmer kommen, ließ der endzeitliche Thriller „The Happening“ (2008) dank zweckfremden Trash-Appeals (unvergessen bleibt Mark Wahlbergs Beschwichtigungsversuch einer Zimmerpflanze) doch keinen Zweifel am tiefen Sturz des einstigen Wunderkinds.

Die kapitalen Flops der Blockbuster „Die Legende von Aang“ (2010) und „After Earth“ (2013) schienen seiner Karriere den Todesstoß versetzt zu haben. Doch mit „The Visit“ kehrt Shyamalan zu seinen Wurzeln zurück und spielt, aus eigener Tasche finanziert, auf schwarzhumorige Weise mit den Standarten des Found Footage-Horrors. Tatsächlich landete er mit seinem Low-Budget-Grusler einen beachtlichen Kassenerfolg und versöhnte selbst die Kritiker. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, ob die einen anderen Film gesehen haben. Denn die Erzählung aus Kinderperspektive und bisweilen herrlich schrullige Darstellerleistungen wiegen kaum den Mangel an gelungenen Spannungsmomenten und das immense Nervpotenzial des rappenden Knirpses Tyler (Ed Oxenbould, „Die Coopers – Schlimmer geht immer“) auf.

Der ist 13 und reist mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Becca (vielversprechend: Olivia DeJonge, „The Sisterhood of Night“) ins rurale Pennsylvania, wo sie eine Woche auf der abgelegenen Farm der Eltern ihrer Mutter (Kathryn Hahn, „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“) verbringen sollen. Die hat ihren Erzeugern – hier nur Nana (amüsant chargierend: Broadway-Größe Deanna Dunagan) und Pop Pop (Peter McRobbie, „Boardwalk Empire“) genannt – vor 15 Jahren im Streit den Rücken gekehrt und seither kein Wort mit ihnen gesprochen. Warum die damit verbundene Vertrauensarmut trotzdem dazu führt, dass die Teenager ohne Begleitperson zu ihnen völlig Fremden reisen dürfen, bleibt das Geheimnis von Shyamalans selten sinnigem Drehbuch. Zugute halten muss man Streifen und Urheber jedoch die eigenwillige Atmosphäre, die sich zwischen klassischem Grusel und morbidem Märchen bewegt.

Dass mit den Großeltern etwas nicht stimmt, bemerken die aufgeweckten Kids schnell. Opa versteckt besudelte Windeln in der Scheune, Oma kratzt nachts unbekleidet am Türrahmen. Das wirft Fragen auf, die allerdings stets mit der vermeintlich obligatorischen Wunderlichkeit älterer Menschen beantwortet werden. Nur wähnen sich die Geschwister, die abends das Zimmer nicht mehr verlassen und bloß nicht den Keller betreten sollen, bald nicht mehr in Sicherheit. Verpackt wird die Ergründung des seltsamen Verhaltens des Rentnerduos (samt angenehm bodenständiger Auflösung) ins pseudo-dokumentarische Prinzip von „Blair Witch Project“ & Co. Dieses greift, weil Hobby-Regisseurin Becca, praktisch als Zeichen der Aussöhnung zwischen Mutter und Großeltern, einen Film über den Besuch dreht und dabei neunmalklug über das „Mise en Scéne“-Prinzip schwadroniert.

Den markanten Shyamalan-Twist gibt es auch hier. Wenn auch nicht am Ende, sondern als Herleitung zum Finale. Spätestens dort stößt der Zwang, stets die Handkamera schwingen zu müssen, an seine Grenzen. Die damit verbundenen Schreckmomente werden kalkuliert und durchschaubar, die bekackte Windel im Gesicht verkommt zum Zeugnis des bestenfalls bedingt funktionalen Nebeneinanders von Humor und Horror. Die spürbare Ambition in Ehren, überzeugend ist „The Visit“ nur bedingt geraten. Dass das dysfunktionale familiäre Gefüge auch bei den Kindern Spuren hinterlassen hat, wird lediglich beiläufig eingeworfen. Für die Figuren interessiert sich der kreative Kontrolle zurückerobernde Shyamalan nur vordergründig, so dass der Fokus auf der betont grotesken Variierung des Found Footage-Konzepts ruht. Unterhaltsam ist das fraglos, nur schießt der unausgegorene Film schlicht zu oft über das Ziel hinaus.

Wertung: (4 / 10)

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