The Human Centipede III (Final Sequence) (USA 2014)

the-human-centipede-3„What is the point of living when even the castration program won’t work?“ – Am Rande der Verzweiflung: William Boss

Der Niedergang des Horrorfilms wird gemeinhin an Fortsetzungswahn und grassierender Ideenlosigkeit festgemacht. Statt origineller Konzepte gibt es Splatter-Exzesse, statt Subtilität die konstante Grenzerweiterung des Zumutbaren. Für die schien zunächst auch „The Human Centipede (First Sequence)“ zu stehen, in dem Dieter Laser als Vorzeige-Mad Scientist drei Menschen zu einem bizarren Hundertfüßer – Mund an Darmausgang – zusammennäht. Die anatomisch betont akkurat aufgezeigte Perversion aber erwies sich nicht nur als dankbar eigenwillig, sondern in der graphischen Darstellung ihrer Barbarei auch als überraschend bedeckt. Doch Ideengeber, Produzent und Regisseur Tom Six hatte den Stoff vom Fleck weg als Trilogie konzipiert, wobei kein Teil dem anderen in Form und Ausdruck gleichen sollte.

Was er damit meinte, stellte die in schwarz-weiß gedrehte erste Fortsetzung klar. Die überwand den Erstling durch eine Film-im-Film-Einleitung und führte Laurence R. Harvey als zurückgebliebenen Parkhauswächter ein, der, vom fiktiven Werk angespornt, seinen eigenen Human Centipede bastelt. Anatomisch akkurat ist an „Full Sequence“ nichts mehr und was Six in seinem Debüt nur angedeutet hatte, wurde in fragwürdiger Explikation schonungslos ausgestellt. Raum zur Steigerung blieb für Part drei entsprechend wenig. Doch eine noch zügellosere Gewaltdarstellung hatte Six überhaupt nicht im Sinn. Mit der „Final Sequence“ seiner bizarren Schocker-Reihe lässt er die Grenzen konventioneller (Horror-)Unterhaltung endgültig hinter sich. „The Human Centipede III“ ist als garstige Satire angelegt und zielt neben dem amerikanischen Strafvollzugssystem auch auf die Selbstverständlichkeit der USA beim Einsatz von Folter.

Der menschliche Hundertfüßer wird dabei fast zur Randerscheinung und einer politisch vollends unkorrekten Nummernrevue unterworfen, für die nur eine Begrifflichkeit gelten kann: Trash. Dass sich Six dabei auch über die eigene Reputation und das Phänomen der beiden Vorgänger lustig macht, veranschaulicht der Auftakt. Der macht auch Teil zwei zum Film im Film und lässt Dieter Laser als Gefängnisdirektor William Boss nach dessen Rezeption genüsslich darüber herziehen. Der eingefleischte Rassist leitet das texanische George W. Bush State Prison (!), dessen Gewaltproblem auch dem ambitionierten Gouverneur Hughes (Eric Roberts, „The Expendables“) – „You talk so much shit your anus could get jealous.“ – aufstößt. Für Boss, der die Kontrolle über die Gefangenen (u.a. Tommy ‚Tiny‘ Lister, „Das fünfte Element“) mit mittelalterlichen Foltermethoden zurückgewinnen will, ist Kastration das Mittel der Wahl.

Buchhalter Butler (Laurence R. Harvey) rät aufgrund der immensen Folgekosten für die Krankenbehandlung ab und bringt wiederholt die „Human Centipede“-Werke ins Spiel. Als die von Hughes gewährte Bewährungsfrist abläuft, lässt sich Boss auf die Idee ein. Als Butler Tom Six konsultiert, um die anatomisch akkurate Umsetzung zu gewährleisten, wird das Spiel mit der Metaebene zwar auf die Spitze getrieben, nur wirkt das Ergebnis bisweilen nicht allein affektiert, sondern hochgradig lächerlich. Ohne nennenswerten Zusammenhang jongliert Six mit bemüht anstößigen Übertreibungen und lässt Laser chargieren, als gäbe es kein Morgen mehr. Die sexuelle Ausbeutung seiner Sekretärin (Ex-Pornodarstellerin Bree Olson) – „I need my ballsack empty before lunch.“ – ist da nur die Spitze des Eisbergs. Zur Beruhigung futtert er aus Afrika importierte getrocknete Klitoris, lässt sich die eigenhändig herausgeschnittenen Hoden eines Häftlings (Robert LaSardo, „Death Race“) zubereiten oder schreit besoffen in den Mülleimer.

Schockpotential hat das bestenfalls bei den sporadisch eingestreuten Gewalteinlagen. Denn Laser übertreibt derart, dass seine fraglos lustvolle Performance auf Dauer mehr ermüdet als amüsiert. Zu rechnen war mit dieser ereignisarmen Entfernung vom klassischen Horror kaum. Doch so willkommen die umfängliche Übersteigerung grundsätzlich auch sein mag, die angestrebte Wirkung bleibt weitgehend aus. Überraschend wenig hilft der deutlich „humaner“ gestaltete „Human Centipede“, der den erniedrigten Gefangenen am Ende eine weitgehend unversehrte Haftentlassung beschert. Weil der allein aber nicht genügt, knallt Boss auf dem Weg zur Revolution der Gefängniskultur jeden Sträfling ab, der nicht ins Schema passt, und kreiert für zum Tode verurteilte – und zuvor um Arme und Beine erleichterte – Straftäter den „Human Caterpillar“. Ausreichend verrückt ist das in der Summe zweifelsfrei, nur verpufft das satirische Potenzial an einem Potpourri der Geschmacklosigkeiten. Gut, dass der Spuk damit vorüber ist.

Wertung: (3 / 10)

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