When Alice Broke the Mirror (I 1988)

Lester Parson (possierlich chargierend: Brett Halsey, „Demonia“) wirkt sanftmütig, belesen und kultiviert. Bei den Frauen, insbesondere wohl situierten Witwen, kommt er damit blendend an. Doch hinter der Fassade des alternden Gigolos lauert ein mörderischer Psychopath. Denn Lester, ein notorisch erfolgloser Glücksspieler, finanziert sein Laster durch das Geld der erwähnten Damen. Nur müssen die vorangestellt das Zeitliche segnen, bevor sie mit einer Kettensäge in Stücke geschnitten werden. Oder in Teilen auf Lesters Teller landen. Die Reste vertilgen die Schweine. 

Bereits das zeigt, dass der streitbare Gore-Spezi Lucio Fulci („Zombie III“) in seiner (als Teil der Filmreihe „I Maestri del Thriller“) direkt für den Videomarkt heruntergekurbelten Sleaze-Comedy vor keiner übertrieben figurierten Grausamkeit zurückschreckt. Gleich zu Beginn wird eine nur zu offenkundig falsche Leiche zerlegt. Blut spritzt in Strömen, Lester lächelt süffisant. Dass der Serienkiller schwer einen an der Waffel hat, zeigt sich auch an den fingierten Zwiegesprächen, zu deren Zweck er die eigene Stimme vom Band abspielt. Ist die Barschaft einen Gang zum angestammten Wett-Paten (Al Cliver, „Woodoo – Schreckensinsel der Zombies“) später neuerlich erschöpft, wird es Zeit für die Suche nach dem nächsten Opfer.

Das italienische Kino steckte mit dem Siegeszug der Videoindustrie in einer schweren Krise. Entsprechend wurden die Mittel knapper. Davon kündet auch „When Alice Broke the Mirror“ (Alternativtitel: „Touch of Death“), selbst wenn dieser nie für die große Leinwand konzipiert war. Fulci, der die Directo-to-Video-Serie eigentlich nur als Supervisor begleiten sollte, kann das schmale Budget kaum verbergen. Das wöge nicht so schwer, wenn doch zumindest das von ihm verfasste Skript mehr zu bieten hätte als krause Füllszenen und den überschaubar sinnhaften Niedergang des manischen Mörders. 

Der ist von TV-Ansagen zum Ermittlungsstand der Polizei sowie dem metaphorisch halbgaren Verlust des eigenen Schattens (!) geprägt. Dazwischen becirct Lester reiche Damen (darunter Zora Kerova, „Die Rache der Kannibalen“), deren physische Eigenheiten (Gesichtsbehaarung, Oberlippennarbe) in ihm Ekel hervorrufen. Der schwarze Humor erklimmt seinen (einsamen) Höhepunkt, wenn er wiederholt versucht, ein volltrunkenes Opfer mit K.O.-Tropfen zu überwältigen. Als das partout nicht gelingen will, vermöbelt er die Bemitleidenswerte so lange mit einem Holzknüppel, bis sich ihre Gesichtshaut von der Wange pellt. Wie wenig die schludrigen Effekte überzeugen, offenbart auch die anschließende Gesichtsschmelze im Backofen.

Das leidlich gelungene Fulci-Spätwerk, bei dem auch der ausgiebige Handkamera-Einsatz zum billigen Look beiträgt, setzt seine Akzente im inkohärenten Spannungsfeld aus anstößig gewaltreichen Bildern und bizarrer Situationskomik. Der damit verbundene Trash-Faktor gestaltet „When Alice Broke the Mirror“ zumindest für Schund-Trüffelschweine ansehnlich. Doch müssen selbst die Sitzfleisch beweisen, um Lesters gen Ende gedehntes Scheitern ohne Griff zur Vorspultaste zu bewältigen. Der italienische Genrefilm hat über mehr als drei Jahrzehnte eine Vielzahl ansehnlicher Werke hervorgebracht. Dieser verzichtbare Nachklapp geht eher als Zeichen dafür durch, dass jene goldene Ära Ende der 80er endgültig vorüber war.

Wertung: 3.5 out of 10 stars (3,5 / 10)

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