The Get Up Kids – Something to Write Home About (1999, Vagrant Records)

getupkidssomethingtowritehomeIn einer Zeit, als Emo noch kein Schimpfwort war und Texte über gescheiterte Beziehungen ohne Schaumbad im Selbstmitleid auskamen, dominierten die GET UP KIDS den Indie-Rock. Das Gespann gründete sich 1996, währte neun Jahre und markierte mit dem Abschiedskonzert in ihrer Heimatstadt Kansas im Juli 2005 den Schlusspunkt eines beeindruckenden Werdegangs. Die Band um Sänger und Gitarrist Matthew Pryor veröffentlichte vier Platten – ihr Meisterstück ist fraglos das 1999 erschienene „Something to Write Home About“.

Die im Vorfeld herausgebrachte „Red Letter Day“-EP gab die Richtung vor. Verträumte Melodien treffen punkige Vorstöße, vereint unter dem emotionsgeladenen Säuseln Pryors. Die Mischung war stilbildend. Nicht zuletzt wegen James Dewees Einsatz am Keyboard. Bereits mit dem Opener „Holiday“ hielt die Scheibe ihr Publikum fest im Griff. Hält es bis heute. Die konsequente Weiterentwicklung des Debüts „Four Minute Mile“ lebt von der Gabe, sich ungeachtet des anfänglichen Hitpotentials nachhaltig zu überflügeln.

Nach der Singleauskopplung „Action, Action“ folgt mit „Valentine“ die Drosselung. Kein Tempo, fast akustisches Ambiente. Der Kracher „Red Letter Day“ bleibt einer der größten Hits der GET UP KIDS. Selbst wenn die Version des Albums hinter derer der gleichnamigen EP zurückbleibt. „Out of Reach“ steigert die melancholische Gelassenheit von „Valentine“ in eine Intensität, die über weite Strecken kaum mehr bedarf als Gitarre und Gesang. „Ten Minutes“ zeigt in seiner Eingängigkeit zwischen Pop und Punk die musikalische Wandlungsfähigkeit der Band. Die Verlagerung der Geschwindigkeit, die Breaks, der euphorische Refrain. Hier stimmt einfach alles.

In dieser Manier setzt sich „Something to Write Home About“ fort. „The Company Dime“ und „My Apology“ schlagen ruhigere Töne an, „I´m a Loner Dottie, a Rebel” und „Long Goodnight“ zeigen das Quintett beim Experiment mit melodiöser Vielseitigkeit. Aus solchen Stücken wird das Progressionsstreben des gescheiterten Nachfolgers „On a Wire“ resultieren. Vor Ablauf der zwölf nahezu perfekt ausbalancierten Songs wagt „Close to Home“ einen unerwarteten Vorstoß. Ein weiterer Klassiker. Der Abschluss ist „I´ll Catch You“, ein einvernehmlicher, ein inbrünstig besungener letzter Akt.

Mit ihrem zweiten Langspieler zementierten die GET UP KIDS ihren Status als Wegbereiter eines Genres. Die Texte, leise Bekenntnisse der eigenen Unzulänglichkeit, sind ehrlich, mitunter verschlüsselt. Aber im Gegensatz zu einigen der zahllosen Nachahmer unverkrampft und unpeinlich. Zum Klischee wurde die selbstreflexive Befindlichkeit erst mit der weinerlichen Masse. Der Trend lässt sich bis heute verfolgen. Überzeugungspotential obliegt den wenigsten Kapellen. Gerade deshalb scheint es klüger, sich von Zeit zu Zeit den Klassikern zu widmen. Und ein solcher ist „Something to Write Home About“ ohne jede Frage.

Wertung: (9 / 10)

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