The Equalizer 2 (USA 2018)

„This ain’t a perfect world. People do bad things. If you’re lucky, you get a chance to set it right. But most of the time, it goes unpunished. This ain’t one of them times.“ – Richter, Geschworener und Henker in einer Person: Robert McCall

Es erscheint geradewegs erstaunlich: In seiner mehr als vier Dekaden umspannenden Karriere im Filmgeschäft hat Denzel Washington noch nie eine Fortsetzung gedreht. Das Sequel zum Action-Thriller „The Equalizer“, lose basierend auf der gleichnamigen TV-Serie aus den 80er Jahren, ist daher eine Premiere. Doch nicht allein für den zweifachen Oscar-Preisträger, sondern ebenso für Regisseur Antoine Fuqua. Der arbeitete mit Washington, neben dem Vorgänger, bereits bei „Training Day“ (2001) und „Die glorreichen Sieben“ (2016) zusammen. Abseits der reißerischen Prämisse bemühen sich die beiden auch diesmal um charakterlichen Tiefgang. Ausgebremst wird dies hehre Ziel vorrangig durch die fragwürdige Legitimation von Selbstjustiz.

In Boston verdingt sich Washingtons bescheidener Ex-Spezialagent Robert McCall als privater Taxi-Chauffeur. Hinter dem Steuer aktiviert er sein sicheres Gespür für die Sorgen und Nöte der einfachen Menschen und greift bisweilen in ihr Schicksal ein. Das grundlegende Prinzip folgt Feelgood-Formeln des Kalibers „Ein Engel auf Erden“. Nur führt McCall die Linderung meist durch seine außergewöhnlichen Nahkampf-Fähigkeiten herbei. Was das bedeutet, belegt bereits der Auftakt: In einem Zug Richtung Türkei befreit er ein entführtes Mädchen aus den Fängen ihres verbrecherischen Vaters – und geht dabei wie selbstverständlich über Leichen. In Zeiten des politischen Populismus bedeutet dies Pochen auf die Kraft autonomer Rechtsprechung ein nahezu fahrlässiges Signal.

Dennoch ist der Stoff selbst im zweiten Anlauf kein schnöder 08/15-Actionreißer. Dafür sind Regisseur und Hauptdarsteller unter der glatten Oberfläche zu sehr an den (oft reißbretthaften) Figuren interessiert. Entsprechend langsam vollzieht sich der Aufbau, in dem McCall hier und da moralischen Standards huldigt, indem er Verfehlungen mit Knochenbrüchen sühnt. Die hauptsächliche Handlung kommt erst in Gang, als seine Vertraute und frühere Geheimdienst-Kollegin Susan Plummer (Melissa Leo, „The Fighter“) – als ihr Gatte auch diesmal beteiligt: Bill Pullman („Independence Day“) – während einer Ermittlung in Brüssel ermordet wird. Mit Unterstützung seines alten Partners Dave York (einmal mehr in Hollywood-Standards zerrieben: Pedro Pascal, „The Great Wall“) schaltet sich McCall in die Spurensuche ein und stößt bald auf eine aus Regierungsbeamten bestehende Söldnergruppe, die ihre Aktivitäten um jeden Preis geheim halten will.     

Der Mix aus humanistischer Grundader und konventioneller Kino-Gewalt funktioniert dank Washingtons gewohnt nuanciertem Spiel zumindest solide. Erzählerisch wirkt der Plot jedoch zusammenhanglos, wenn McCall in vorgeschobenen Nebenarmen der Haupthandlung u. a. den schwarzen Jugendlichen Miles (Ashton Sanders, „Straight Outta Compton“) vor dem Abrutschen ins Gang-Milieu bewahrt. McCall mag das beschäftigt halten, in erster Linie nähren seine Randbeschäftigungen aber den Eindruck, dass es dem neuerlich von Richard Wenk („The Mechanic“) beigesteuerten Skript erheblich an Substanz mangelt. Der visuell gelungene wie metaphorisch beladene Showdown im Epizentrum eines verheerenden Orkans spielt seine Reize zum Abschluss zwar souverän aus, kann die entscheidende Frage des Films aber letztlich auch nicht entkräften: Warum hat sich Charakterdarsteller Denzel Washington ausgerechnet diesen Film ausgesucht, um das erste Sequel seiner Laufbahn zu drehen?

Wertung: 5 out of 10 stars (5 / 10)

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