No Country for Old Men (USA 2007)

no-country-for-old-menDie Gebrüder Coen melden sich mit „No Country for Old Men” eindrucksvoll und vierfach Oscar-prämiert zurück. Zwei schwächeren Filmen, „Ein (un)möglicher Härtefall“ und „Ladykillers“, sowie einer kreativen Pause lassen sie ein Meisterwerk folgen, das ihren spröden Thrillern „Blood Simple“ und „Fargo“ in nichts nachsteht. Wieder wird im amerikanischen Hinterland Blut vergossen, wieder kommen geschliffene Dialoge über die Lippen verschrobener Figuren. Eine davon, der texanische Sheriff Ed Tom Bell, wird von Tommy Lee Jones („Three Burials“) gespielt, dessen Darbietung stark an die von Frances McDormand in jenem „Fargo“ erinnert.

Er ist ein besonnener Zeitgenosse, der in Erinnerungen an die alten Zeiten seiner Vorgänger schwelgt – und von Tagen, als die Ordnungshüter ihren Dienst noch ohne Waffen verrichten konnten. Die Gegenwart des Jahres 1980 sieht anders aus. Das belegen allein die in der Wüste gefundenen Leichen, fast alle Mexikaner, die offenkundig aus einem geplatzten Drogendeal resultieren. Ein Koffer voller Geld war auch im Spiel. Den jedoch hat sich Freizeitjäger Llewelyn Moss (Josh Brolin, „Im Tal Elah“) unter den Nagel gerissen, als er das Schlachtfeld auf der Spur eines angeschossenen Wildes zufällig entdeckte.

Einen Überlebenden gab es. Er flehte um Wasser, als Moss ihn zusammengeschossen fand. In der folgenden Nacht will der Vietnam-Veteran ihm den Wunsch erfüllen und macht sich mit einem Kanister auf den Weg. Dieser Akt der Barmherzigkeit entspricht zugleich purer Unvernunft. Denn statt des durstigen Sterbenden erwartet ihn eine Bande Mexikaner, denen er verletzt und mit knapper Not entkommen kann. Seinen Wagen jedoch muss er zurücklassen. Für den wahnsinnigen Mietmörder Anton Chigurh (überragend: Javier Bardem, „Das Meer in mir“), der sich mit Druckluftpistole und Präzisionsgewehr an seine Fersen heftet, ein entscheidender Anhaltspunkt.

In kunstvoller Elegie wird das filmisch gern bediente Wüstenpanorama, wo Amerika nur ödes Gestein und endloser Himmel ist, zum Sinnbild des gesellschaftlichen Wandels. Vor diesem urtümlichen Hintergrund verfilmen Joel und Ethan Coen den Roman von Cormac McCarthy, diese komplexe Geschichte, in der sich außer fliegenden Kugeln und ruppiger Gewalt recht wenig bewegt. Mit genüsslicher Freude und absurden Dialogen widmen sich die Brüder den Figuren und ihren Motiven. Dass die meisten davon auf der Strecke bleiben, liegt an Javier Bardem, der für seine brillante Darstellung des exzentrischen Killers völlig verdient den Oscar als bester Nebendarsteller einheimste.

Chigurh, der seine Opfer wie Vieh tötet und der das Schicksal seiner Gegenüber (darunter Woody Harrelson, „Natural Born Killers”) auch schon mal durch einen Münzwurf auslotet, erscheint wie ein unmenschlicher Gott der Rache. In seinen Taten spiegelt sich nicht nur Werteverfall wider, sondern auch die Wandlung des Landes. Die Bilder sind bekannt. Staubige Straßen, endlose Weiten, schäbige Motels. Nur schwingt in ihnen keine Vertrautheit, sondern stetes Unbehagen mit. Die Kontrahenten folgen nur ihren Instinkten und verbleiben als soziale Fremdkörper in einem Stadium der Unberechenbarkeit. Den alternden Sheriff Bell überfordert dies. Er steuert trockene Kommentare bei. Doch sein Land ist es längst nicht mehr. Ein Geniestreich – bis zum verschmitzt jegliche Erzählkonvention ignorierenden Ausklang.

Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)

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