Fargo (Season 1) (USA 2014)

fargo-season-1„You’re screwed. You made a choice. I’m the consequence.“ – Lorne Malvo

Die Coen-Brüder in Serie? Bisher schien das unvorstellbar. Denn von Fortsetzungen halten die Independent-Choryphäen bekanntermaßen wenig. Bis Noah Hawley kam. Der junge Autor, der u.a. an „Bones – Die Knochenjägerin“ mitgearbeitet hatte, kontaktierte Joel und Ethan Coen mit einem Entwurf, der ihren Geniestreich „Fargo“ (1996) in Form einer Serie aufgreifen und variieren würde (ähnliche Überlegungen wurden in den späten Neunzigern schon einmal verworfen). Zu Hawleys Überraschung zeigten sich die Brüder von seiner Abwandlung angetan, erteilten ihren Segen und stiegen gleich als Produzenten mit ein. Eine nur zu verständliche Entscheidung, kommt das in diesem Jahr mit dem Emmy als beste Mini-Serie prämierte TV-Format dem Oeuvre der Coens doch in Bildsprache, Figurenzeichnung und Dialogwitz erstaunlich nahe.

Geblieben sind das verschneite Setting, die unscheinbare Provinz-Polizistin und der duckmäuserische Angestellte im Streben nach Bedeutung. Aber Hawley, der neben dem Verfassen der Drehbücher der ersten Staffel auch produzierte, kopiert den Filmvorreiter nicht einfach. Vielmehr gewinnt er (nicht allein) dessen Wertschätzer durch fein gestreute Referenzen und Anknüpfungspunkte, erzählt im bekannten Rahmen aber eine völlig eigenständige Geschichte. Die beginnt mit einem Autounfall, bei dem der kaltblütige Lorne Malvo (Billy Bob Thornton, der mit den Coens u.a. „The Man Who Wasn’t There“ drehte) von der Straße abkommt und einem im Kofferraum gefangenen fast nackten Mann damit die Flucht in die nahen Wälder ermöglicht.

Dessen Leiche lässt die junge Polizistin Molly Solverson (Allison Tolman) um die Hintergründe rätseln. Doch soll es in der Region nicht bei einem Toten bleiben. Im Wartezimmer des örtlichen Krankenhauses begegnet Malvo dem biederen Versicherungsvertreter Lester Nygaard („Sherlock“-Star Martin Freeman), dem die Gattin nur zu gern das eigene Scheitern vor Augen führt. Nygaard klagt Malvo sein Leid, schließlich muss er sich wegen einer gebrochenen Nase behandeln lassen, die ihm ein rüpelhafter Bekannter aus Schulzeiten einbrachte. Und weil Malvo der Zufallsbekanntschaft anbietet, jenen Peiniger aus dem Weg zu räumen, nimmt das skurril gefärbte Thriller-Drama seinen Lauf.

„He’s not gonna stop. You know that, right? A man like that. He’s not even a man.“ – Molly

So findet sich bald die nächste Leiche, deren Verbindungen zu einer mafiösen Organisation im nahen Fargo zwei Killer auf den Plan ruft, Mr. Numbers (Adam Goldberg, „2 Tage Paris“) und den taubstummen Mr. Wrench (Russell Harvard). Für den Anstieg der Sterberate im ruralen Minnesota sorgen aber auch Nygaard, der seine Frau mit einem Hammer erschlägt, und der zur Hilfe gerufene Malvo, der den örtlichen Polizeichef mit einer Flinte niederstreckt. Malvo setzt sich in der Folge in die nächste Kleinstadt ab, wo er den alleinerziehenden Polizisten Gus Grimly (Colin Hanks, „Dexter“) einschüchtert und für Supermarktbetreiber Stavros Milos (Oliver Platt, „The Big C“) herausfinden soll, wer ihn erpresst.

Währenddessen verstrickt sich Nygaard in ein Geflecht aus Lügen und stellt den Tod von Gattin und Sheriff als Verbrechen durch einen Unbekannten dar. Der neue Polizeichef Bill Oswalt (Bob Odenkirk, „Breaking Bad“) glaubt ihm und pfeift die misstrauische Molly zurück. Die stößt erst durch einen Hinweis von Gus auf Ungereimtheiten in Nygaards Geschichte. Weil aber Beweise fehlen, gilt es zunächst den schier unangreifbaren Malvo aufzuspüren. Diese Fülle an Figuren und Nebenhandlungen führen Hawley und die fünf Regisseure (darunter der mit einem Emmy ausgezeichnete Adam Bernstein, „Californication“) erzählerisch komplex und mit viel makabrem Humor zusammen.

Die Balance zwischen schrulligen Charakteren und blutiger Gewalt, Thriller-Groteske und Provinz-Drama, funktioniert blendend und wird von der spielstarken Schauspielerschar, darunter auch Keith Carradine („Dexter“) als Lou Solverson (seines Zeichens Mollys Vater und selbst Ex-Polizist, was der geplanten Prequel-Staffel ausreichend Futter bietet), famos getragen. Billy Bob Thornton ist als skrupelloser Mörder phänomenal und nicht weniger begeisternd vollzieht Martin Freeman die Wandlung vom Duckmäuser zum berechnenden Macher. Wie beim Film der Coens ist die Inszenierung eher unspektakulär gehalten, was visuelle Extravaganzen (das Feuergefecht im Nebel, Malvos Schießerei im Gangster-Hauptquartier) keineswegs ausschließt. Für die ohnehin an Höhepunkten reiche US-Serienlandschaft ist damit auch „Fargo“ eine echte Bereicherung.

Wertung: (8,5 / 10)

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