Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis (USA 2014)

nightcrawlerAn den schauspielerischen Qualitäten des Jake Gyllenhaal („Brokeback Mountain“) gibt es gemeinhin wenig Zweifel. Das Zeug zum Superstar wurde dem 34-jährigen früh attestiert. Nur hält der es – ähnlich dem Kollegen Christian Bale – vorrangig mit Rollen, die neben einem breiten Spektrum auch vor unbequemen Charakteren und Stoffen nicht zurückscheuen. Eine weitere Glanzleistung zeigt Gyllenhaal im Großstadt-Thriller „Nightcrawler“, einer düsteren Independent-Produktion, die ihn als ausgemergelten Soziopathen im nächtlichen Los Angeles nach menschlichem Leid fahnden lassen. Jedoch nicht zur Befriedigung eigener Gelüste, sondern im Sinne einer moralisch entgrenzten Medienprofession.

Für die Rolle des Louis Bloom verlor Gyllenhaal 10 Kilo Körpermasse. Seine Gesichtszüge wirken kantig, sein Auftreten insgesamt verschlagen. Der Beginn zeigt ihn beim Metallklau. Dem Schrotthändler, dem er das Diebesgut verkauft, bietet er sich selbstsicher als engagierter Arbeitnehmer an. Doch der lehnt dankend ab. Louis‘ Wertvorstellungen sind eigenwillig. Die relative Eloquenz und das selbstbewusste Auftreten entstammen keinem verzweigten Bildungsweg, sondern einer Mischung aus Anpassungsfähigkeit und Neugier. Mit fast kindlicher Begeisterungsfähigkeit wirft er sich neuen Herausforderungen entgegen. Dabei wirkt er wie ein Raubtier, ein Schakal, ein Kojote. Mit dem Unterschied, dass Louis nicht instinktgetrieben handelt, sondern mit gefährlichem Kalkül.

Seine Berufung findet er, als er eines Abends Zeuge eines Autounfalls wird. Denn mit den Einsatzkräften kommt ein Kamerateam, das unmittelbare Bilder vom Geschehen ans Lokalfernsehen verkauft. Und mit Aufnahmen voller Blut und Gewalt ist gutes Geld zu verdienen. Also ist in der folgenden Nacht auch Louis mit einer Handkamera unterwegs. In Fernsehregisseurin Nina Romina (Rene Russo, „Thor“) findet er eine Förderin. Sie erkennt sein Talent, kennt er doch keine Skrupel, so nah wie möglich an Opfer und Tatorte heranzukommen. Bald hat Louis besseres Equipment, einen schnelleren Wagen und einen naiven Praktikanten (Riz Ahmed, „The Reluctant Fundamentalist“). Und im Kampf um die schnellsten und spektakulärsten Bilder ist ihm jedes Mittel Recht.

Das Regiedebüt von Drehbuchautor Dan Gilroy („Das Bourne Vermächtnis“) erinnert in seiner nüchternen Direktheit und der unterschwelligen urbanen Entmystifizierung an Filme wie „Leben und Sterben in L.A.“ (1985). Die Großstadt wird darin zum Moloch, zum Jagdgebiet einer Hauptfigur, für die nur eigene Gesetze gelten. Wohin das führt, ist schnell erahnbar. Über die fast zweistündige Spielzeit schleichen sich darum fast zwangsläufig Längen ein. Der für sein Skript Oscar-nominierte Gilroy kreist im Mittelteil zu ausgedehnt um das Offensichtliche. Ein manipuliertes Bremssystem am Auto eines Konkurrenten (Bill Paxton, „Edge of Tomorrow“) ist nur der Vorgeschmack auf veränderte Unfallorte und vorenthaltenes Bildmaterial in einem grausamen Dreifachmord.

Neu ist die Geschichte eines Mannes, der für den Erfolg über Leichen geht, nicht. Durch die alleinige Fokussierung auf den beängstigend kalt aufspielenden – und neben Gilroys Bruder Tony („Michael Clayton“) auch produzierenden – Gyllenhaal erhält sie jedoch eine eigenwillig abgründige Dynamik. Weitere tragende Protagonisten braucht es da eigentlich nicht. Dan Gilroys Gattin Rene Russo steht als Repräsentantin eines von Moral und Ethik befreiten Mediensystems weitgehend im Abseits und dient vorrangig der Veranschaulichung von Louis‘ manipulativem Geschick. Das einzige Manko der zurückhaltenden Inszenierung ist die High-Speed-Verfolgung der Mörder, die der ebenfalls hinterherrasende Louis orchestriert. Denn dabei bedient sich Gilroy jener Gier nach spektakulären Bildern, gegen die er im Film eigentlich ätzt. Obwohl nicht vollends gelungen, lohnt „Nightcrawler“ – und sei es auch primär der famosen Performance Jake Gyllenhaals wegen.

Wertung: (6,5 / 10)

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