Irreversibel (F 2002)

irreversibelDie internationalen Filmfestspiele von Cannes sind immer für Skandal gut. Entsprechend gewinnbringende Schlagzeilen selbstredend eingeschlossen. Dies musste auch Gaspar Noes filmischer Frontalangriff auf Körper und Seele „Irreversible“ erfahren, der Gemüter und öffentliches Interesse erregte, verließen doch etliche Besucher vorzeitig das Kino oder mussten im Anschluss medizinisch (!) betreut werden. Fairerweise muss angemerkt werden, dass Noe dem Betrachter einiges abverlangt, gerade aufgrund seiner unüblichen Erzählweise und seiner anstrengenden Kameraführung. Das beginnt bereits mit dem Vorspann, der eher den Abspann darstellt. Rückwärts flackert dieser über den Bildschirm, der Großteil der Buchstaben ist verkehrt herum geschrieben und man erkennt nur das nötigste.

Langsam fährt die Kamera herum, der Kopf des Betrachters versucht ihr zu folgen und das erste Zucken der Augen tritt ein. Im Anschluss sieht man zwei fast unbekleidete Männer in einer trostlosen Wohnung hocken, während der eine der beiden über seine recht perversen Fantasien spricht. Die Kamera fährt weiter im Raum herum, verlässt diesen und landet nach einer wirren Fahrt vor einem nicht unbedingt einladenden Club namens „Le Rectum“. Aus diesem wird Pierre (Albert Dupontel) von Polizisten abgeführt, ein anderer, Marcus (Vincent Cassel), auf einer Bahre ins Krankenhaus gefahren. Was im Vorfeld geschehen ist, erfährt der Zuschauer in den nächsten anderthalb Stunden. Er erfährt von der aggressiven Suche nach einem Vergewaltiger, der sich in eben jener Schwulenbar aufhalten soll, von einer nie enden wollenden Vergewaltigung und dem morgendlichen Aufwachen von Marcus und seiner Freundin Alex (Monica Bellucci).

„Skandalfilm“ hin oder her, die Gründe für diese schwer erträgliche Kost liegen nicht allein in den immer wieder zitierten zwei Gewaltszenen begründet, die etwa 10 Minuten des Films ausmachen, sondern vor allem die äußerst anstrengenden Kamerafahrten in der ersten Hälfte des Films fordern schier Unglaubliches vom Betrachter. Dabei kreist die Kamera unaufhörlich und verursacht so erst einmal ein völlig wirres Gefühl beim Zuschauer, der krampfhaft versucht, die undeutlichen Bilder einzuordnen und dem Geschehen einen Sinn zu geben. Die Geschehnisse werden dabei von hinten erzählt, man wird stets zuerst mit dem Resultat aus vorangegangenem Handeln konfrontiert. Das ist zwar nicht unbedingt neu, bereits Christopher Nolans „Memento“ konnte so seinen Reiz erzielen, doch ist „Irreversible“ aufgrund seiner mangelnden Sensibilität weitaus schwerer zu verdauende Kost.

Die Sprünge zwischen den verschiedenen Zeiten werden wieder durch kreisende Kamerafahrten und schwer zu erkennende Bilder dargestellt. Doch auch die dann erzählten und dargestellten Sequenzen fordern dem Betrachter einiges ab. So steht zu Beginn neben der optischen Überforderung des Zuschauers auch noch eine der beiden viel diskutierten Gewaltszenen auf dem Plan, die zugegebenermaßen schockiert und selbst hartgesottenen Zuschauern ein flaues Gefühl in der Magengrube bescheren sollte. Diese beginnt mit der Suche nach dem vermeintlichen Vergewaltiger, bei der Vincent Cassell („Der Pakt der Wölfe“) im Homo-Club einen Mann stellt und von ihm in aller Gelassenheit seinen Arm gebrochen bekommt. Dabei reißt dieser Cassell zu Boden und kniet sich langsam auf seinen Arm, um ihn ohne Skrupel in einen 90 Grad Winkel zu bringen.

Die darauf folgende Penetration des Hinterteils wird durch Albert Dupontel („Serial Lover“) gestört, der nun unzählige Male mit einem Feuerlöscher auf den Kopf des nun wehrlosen Vergewaltigers eindrischt. Die eigentliche Grausamkeit der Szene besteht darin, dass die Kamera stets draufhält. Nach jedem Schlag verwandelt sich das Gesicht weiter zu einer später nicht mehr definierbaren Masse. Dabei stört noch nicht einmal die breiige Substanz, die früher mal ein Kopf war, sondern die kompromisslose Brutalität, mit der Regisseur Gaspar Noe („Menschenfeind“) den Zuschauer konfrontiert. Im Weiteren wird die ebenfalls sehr hektisch dargestellte Suche von Cassell und Dupontel gezeigt, die dem Geschehen wieder vorangegangen ist. Erst nach etwa einer Dreiviertelstunde erfährt der Zuschauer, warum genau das bisher gesehene passiert ist.

Nachdem die Ex-Freundin von Pierre und nun aktuelle Freundin von Marcus, gespielt von Monica Belucci („Matrix Reloaded“) eine gemeinsam besuchte Party früher verlässt, wird sie in einem dunklen U-Bahn-Schacht vergewaltigt und halb totgeschlagen. Der Täter ist dabei ein eigentlich Homosexueller, der zwischen Dreck, Papier und den engen Wänden sein Opfer bearbeitet. Was in den folgenden etwa neun Minuten geschieht, hat man in dieser Form wohl noch nicht auf der Leinwand gesehen. Ohne Schnitt gedreht, hält Noe auch hier die Kamera einfach nur voll drauf, die verbalen wie körperlichen Erniedrigungen des Opfers scheinen nie enden zu wollen und spätestens hier ist das absolute Maximum erreicht. Jedes Betteln hilft nicht, unzähligen Beleidigungen und Demütigungen folgt im Anschluss die letzten Endes körperliche Folter, die, nachdem das Gesicht bereits unzählige Male auf den Boden geschlagen wurde, in einem Tritt endet.

Die Grausamkeit dieser langen Minuten ist beispiellos. Was dann folgt ist schon beinahe belanglos, denn erzählt werden nun ohne große Anstrengungen einige Erlebnisse auf der Party, die Fahrt dorthin und das morgendliche Aufwachen des Paares. Als Schlusspunkt erfährt man von einer glücklichen Monica Bellucci, dass sie schwanger ist, jedoch kann man sich aus bekannten Gründen nicht wirklich mit ihr freuen. Was bleibt ist zum einen Unverständnis darüber, dass einen ein Werk so mitnehmen kann, einen Gewalt auf der Leinwand noch so schutzlos überrollen kann und ein Filmemacher in der Lage ist, die Aufmerksamkeit des Zuschauers so gebannt zu konzentrieren, obwohl Erzählstruktur und Kameraführung völlig gegen jede Norm streben. „Irreversible“ ist kein Skandal, sicherlich aber kontrovers und schockierend, eher ein Meisterwerk, das man wohl ohne Frage gesehen haben muss. Wenn auch nur schwerlich vorstellbar erscheint, dass man sich dieses ein zweites Mal anschaut.

Wertung: (8 / 10)

scroll to top