Homeland (Season 1) (USA 2011)

homeland-season-1Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus hat das Wesen des Krieges verändert. Standen sich früher meist Regierungen und Systeme in offenen Konflikten gegenüber, sind es heute verdeckt operierende, religiös-fundamentalistische Splittergruppen, die die Gewalt mitten ins gesellschaftliche Herz ihrer erklärten Feinde tragen. Das Ziel ist die Destabilisierung durch ein beständiges Gefühl der Unsicherheit. Die preisgekrönte TV-Serie „Homeland“ blickt hinter die Kulissen des nationalen Sicherheitsapparates und bricht den von Ex-Präsident George W. Bush beschworenen „War on Terrorism“ an der Heimatfront auf eine Ebene persönlicher Schicksale herunter.

Die packende Melange aus Drama und Thriller rückt der charakteristischen ambivalenten Beschaffenheit amerikanischer (Bezahl-)Fernsehunterhaltung entsprechend eine Figur in den Mittelpunkt, deren obsessiver Pflichteifer mit Anflügen von Paranoia und manischer Depression einhergeht. Herausragend gespielt wird die junge CIA-Agentin Carrie Mathison von Claire Danes („The Hours“), die ihre Rolle in selbstzerstörerischer Intensität auskostet und 2012 zu Recht sowohl mit dem Golden Globe als auch dem Emmy als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Auf der Berg- und Talfahrt ihres Charakters wird unweigerlich auch der Zuschauer von einem Extrem ins nächste gerissen.

Stein des Anstoßes ist die Rückkehr von Nicholas Brody (Damian Lewis, „Band of Brothers“). Sieben Jahre lang wurde er im Irak gefangen gehalten. Die Befreiung des vermissten Soldaten wird in Amerika wie ein Wunder gefeiert. Nur Carrie glaubt nicht daran. Denn im einleitenden Rückblick erhält sie von einem todgeweihten Extremisten die Information, ein amerikanischer Gefangener sei vom gesuchten Terroristenführer Abu Nazir (Navid Negahban, „Brothers“) umgedreht worden. Um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, lässt sie das Haus von Nicholas und dessen Familie ohne Wissen der Vorgesetzten mit versteckten Mikrofonen und Kameras bestücken.

Erst nachträglich weiht sie ihren väterlichen Freund und Mentor Saul Berenson (Mandy Patinkin, „Dead Like Me“) in den Plan ein. Doch der will stichhaltige Beweise sehen. Aber abgesehen von den Schwierigkeiten, ins geordnete Alltagsleben zurückzukehren, lässt sich aus Nicholas‘ Verhalten kein Indiz für Vaterlandsverrat ableiten. Als sich Carrie auf eine Affäre mit dem Verdächtigten einlässt, entgleitet ihr allmählich die Kontrolle. Dabei tritt die grundlegende Frage, ob sich hinter dem gefeierten Kriegshelden tatsächlich ein Schläfer verbirgt, zugunsten der präzisen Charakterisierungen der Hauptfiguren vermehrt in den Hintergrund.

Die Beteiligung der „24“-Produzenten Howard Gordon, Michael Klick und Alex Gansa gibt indes keinerlei Anlass zur Sorge. Der Ton der politischen Betrachtung bleibt kritisch und Raum für Pathos und vor allem großspurige Actionszenarien wird keiner gewährt. Die Ermittlungsarbeit von Carries Kollegen beschränkt sich auf die Suche nach Abu Nazir. Einer Spur folgend, steht bald die Verhinderung eines geplanten Anschlags in Washington D.C. im Mittelpunkt. Daneben widmen sich die Autoren der Privatsphäre der Hauptfiguren. Sauls Ehe scheitert, Carrie setzt für ihren Verdacht die Karriere aufs Spiel und Nicholas‘ Eingliederungsversuche ins Alltags- und Eheleben (als Gattin überzeugt Morena Baccarin, „V – Die Besucher“) münden bald in die Ankurbelung einer politischen Karriere.

Die schlussendlichen Aufdeckungen bleiben in der Handhabung erfreulich unspektakulär, was einer grundlegenden Spannung nicht im Wege steht. Wenn es eines zu bemängeln gibt, dann sind es manch unzureichend ausgearbeitete Nebenfiguren. Aber die Leistungen von Danes, Lewis und auch Patinkin sind schlicht großartig. So wirft „Homeland“, die fürs US-Fernsehen adaptierte freie Variation des israelischen Serie „Hatufim – Prisoners of War“ (deren Schöpfer Gideon Raff auch hier als Produzent fungiert), einen fesselnden Blick auf den schmalen Grat zwischen der Bewahrung substanzieller Freiheitsrechte und rigider Terrorabwehr. Auserzählt ist das stets fesselnde Thriller-Drama mit dieser hochklassigen ersten Staffel jedenfalls nicht. Sicherheitsgefühle bleiben (im Fernsehen) also auch zukünftig trügerisch.

Wertung: 8.5 out of 10 stars (8,5 / 10)

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