High Lane (F 2010)

high-laneJa, ja, die Franzosen und der Film. Wem da spontan nur Chabrol, Truffaut oder Godard in den Sinn kommt, der hat wohl verpennt, dass heutzutage im Nachklang der Nouvelle Vague eine weitere Stilrichtung der französischen Kinematographie die europäische Filmwelt fest im Griff hat. Wer bei Titeln wie „Martyrs“, „Inside“ oder „La Horde“ nicht nur mit den Achseln zuckt, weiß gewiss, um welches Genre es sich dabei handelt. Denn der „bei uns um die Ecke entstandene“ kompromisslose Terrorfilm der Moderne trägt Franzosenmütze! Dass kaum einer von ihnen wahrlich als Glanzstück des Horrorgenres durchgeht und meist nur wegen detaillierter und rigoroser Gewaltdarstellung in den Köpfen haften bleibt, wird gerne übersehen. Manch ein Regisseur versteht es aber dennoch, die Schose wenigstens spannend umzusetzten, wie nun Abel Ferry mit seiner nervenaufreibenden Kletterpartie „High Lane” beweisen darf. Zumindest in der ersten Hälfte.

Die Geschichte ist allzu schnell erzählt. Fünf Twentysomethings treffen sich in der atemberaubenden Berglandschaft Kroatiens zum Bergsteigen. Fred (Nicolas Giraud) und seine Freundin Karin (Maud Wyler) sind erfahrene Alpinisten, die mit der Krankenschwester Chloé (Fanny Valette) eine lange Freundschaft verbindet. Ihr neuer Freund Loïc (Johan Libéreau), ein Angsthase vor dem Herren, hat sich auf die Mördertour nur eingelassen, um seiner Chérie beweisen zu können, dass er doch ein ganzer Kerl ist. Allerdings konnte er nicht ahnen, dass der fünfte im Bunde Chloés Ex Guillaume (Raphaël Lenglet) sein würde, der nicht nur optisch betrachtet das absolute Antonym zum weinerlichen Loïc darstellt. Konflikte sind da natürlich vorprogrammiert.

Als sich daraufhin noch der Kletterweg als ziemlich marode Angelegenheit erweist und die verlassene Gegend doch nicht so verlassen zu sein scheint, haben wir den Balkan längst verlassen und sind in transatlantischen Backwood-Gefilden unterwegs. Gleich vorweg, eine Splatter-Granate à la „Haute Tension“ oder „Frontier(s)“ ist „Vertige“ (franz. Originaltitel) keineswegs geworden. Anfangs kann der Film mit wirklich fantastischen Aufnahmen der kroatischen Bergwelt punkten, die die Kamera in ihrer vollen Pracht einfangen darf. Auch die an Hindernissen nicht geizende Kletterpartie ist spektakulär anzuschauen, so dass die ersten 40 Minuten den Zuschauer tatsächlich fesseln. Vergleiche zum Überlebenskampf der resoluten Frauengruppe in Neill Marshalls „The Descent“, hier eben über der Erde anstatt darunter, sind nicht von der Hand zu weisen.

Sobald die Geschichte aber den Schwenk zum klassischen US-Terrorkino vollzieht, inklusive degeneriertem Hinterwäldler, der auf den Namen Anton hört und sich natürlich mit einer Armbrust auf (Menschen-)Jagd begibt, ist Schluss mit spannend. Fanny Valette darf sich fortan förmlich die Seele aus dem Leib schreien, fast so als ginge es ihr wirklich an den Kragen. Zuvor eigentlich plausibel handelnde Figuren rutschen plötzlich ins klischeehafte ab, dass man nur noch wegschauen möchte. Et c’est merde vraiment. Der depperte Killer Anton ist kein mystischer Charakter wie etwa der norwegische Kollege Brath aus „Cold Prey“, der, egal was für ein Gegenstand aus seinem Körper ragt, genretypisch immer wieder aufsteht, um zu töten. Vielmehr scheint der einsame Kroate der verlorene Bruder der „Wrong Turn“-Sippe zu sein. Der blödeste von allen wohlgemerkt.

Die defizitären Aspekte der zweiten Hälfte überwiegen letzten Endes die anfangs noch gelungenen, was wirklich schade ist. Ruft man sich den ähnlich gestrickten und im selben Jahr erschienen „Humains“ ins Gedächtnis, der nicht einmal eine spannende erste Hälfte zu bieten hat, darf man allerdings nicht automatisch behaupten, „High Lane“ wäre ein guter Film. Höchstens ein halber guter.

Wertung: 5 out of 10 stars (5 / 10)

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