Hard Candy (USA 2005)

hard-candyKontrovers geht es in „Hard Candy“ zu, dem Spielfilmdebüt von David Slade. Dieser entstand in weniger als drei Wochen, mutet aber nie wie ein visueller Schnellschuss an. Slade packt ein Tabu-Thema an, welches in der Regel medienwirksam erst dann ausgeschlachtet wird, wenn es schon fast zu spät ist. Als großer Aufklärer des Themas Pädophilie versteht sich der Filmemacher dennoch nicht, ihm ist vielmehr an einem spannenden Katz-und-Maus-Spiel gelegen, bei dem die Grenzen zwischen Recht und Unrecht selbst gemessen an der Schwere des Stoffes nicht weit auseinander liegen müssen.

Der Fotograf Jeff (Patrick Wilson) ist Anfang 30 und hält sich in seiner Freizeit gern in Chat-Rooms auf, wo er auch die 14-jährige Hayley (Ellen Page) kennenlernt. Nach etwa drei Wochen entschließen sie sich zu einem Treffen in einem Café. Beide sind von ihrem Gegenüber sehr angetan, vor allem die junge Hayley legt sich mächtig ins Zeug, um Jeff zu gefallen. Tatsächlich springt er – wenn auch ein wenig widerwillig – an und Hayley findet sich kurze Zeit später in seiner Wohnung wieder. Die ersten Drinks fließen, kurze Zeit später posiert sie für ihn vor der Kamera. Während dieser Session verliert Jeff jedoch schnell das Bewusstsein. An einen Stuhl gefesselt wird er später wach, muss sich nun aber seiner kleinen Internet-Bekanntschaft stellen, die den Fotografen mehr und mehr mit psychischer und physischer Folter in die Enge treibt, um ihm sein Geheimnis zu entlocken.

Mit einfachsten Mitteln gelingt es David Slade von Beginn an den Zuschauer zu fesseln, ihn nach und nach mit Informationen zu füttern und erst ganz am Ende das Geheimnis um den in die Enge getriebenen Fotografen Patrick Wilson („Alamo“) zu lüften. Bis es jedoch soweit ist, muss dieser einiges über sich ergehen lassen. Die 18er-Freigabe sollte in diesem Zusammenhang nicht verschrecken, aber auch nicht verwundern. David Slade zeigt so gut wie kein Blut in seinem Film, vielmehr beschränkt er sich auf Psycho-Terror und Folter. Die Kamera ist dabei zwar anwesend, hält jedoch nie drauf. Man kann stellenweise nur erahnen, was gerade mit Wilson geschieht. Ob er schuldig ist oder nicht, ist erst einmal zweitrangig, unabhängig davon, was ganz zum Schluss offenbart wird.

Die Bilder des Films sind ästhetisch und dabei beinahe steril, was auch auf die Wohnung des Fotografen zutrifft. Eine Anspielung auf die vermeintliche Anonymität des Internet? Regisseur David Slade bietet ausreichend Raum für Diskussionen, lässt den Zuschauer jedoch nach dem Ende des Films nicht im Dunkeln tappen. Die Aufklärung kommt nicht von ungefähr, auch wenn nicht alle Zweifel beseitigt werden und das Ende – trotz aller Kompromisslosigkeit – nicht komplett überzeugen kann. Von Anfang an jedoch stehen die Zeichen auf Sturm, Slade scheint seine beiden Protagonisten klar in schwarz und weiß getrennt zu haben. Erst im weiteren Verlauf verschwimmen beide Parteien und man weiß nicht, ob die grandios aufspielende Ellen Page („X-Men – Der letzte Widerstand“) in ihrem Akt der Selbstjustiz nun wirklich einen Pädophilien quält oder nicht. Genau dies macht den Reiz des Films aus, bei dem die Indizien eindeutig erscheinen, das Tun und Handeln beider jedoch weder rechtskonform noch moralisch einwandfrei ist.

Die Möglichkeit der Identifikation mit der Anti-Heldin Ellen Page fällt auf den ersten Blick leicht. Allerdings handelt es sich hier um eine 14-jährige, die selbst gar nicht Opfer ist, aber zum Täter wird. Dennoch ist sie kein eiskalter Engel, sondern offenbart auch Schwächen, Gefühle und Verletzlichkeit. Das intensive Spiel seiner beiden Protagonisten lässt kleinere Schwächen ins Hinterlicht rücken, auch Motive spielen eine eher untergeordnete Rolle. „Hard Candy“ wird verstören, für Diskussionen sorgen und ist – gerade wegen seiner mangelnden schwarz/weiß Sicht – ein äußerst empfehlenswerter Film.

Wertung: (7,5 / 10)

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