Die Polizistin (D 2000)

die-polizistinDie Polizei, dein Freund und Helfer. Zu beneiden er nicht. Oder die Beamten, die unterrepräsentiert, unterbezahlt und unbeliebt nur im Fall akuter Bedrohung erwünscht sind. Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon“) hat ihnen einen Film gewidmet. Jedoch nicht dem Berufsstand an sich, sondern Einzelschicksalen in Uniform. Auszugsweise beobachtend, unprätentiös, so wie man es von ihm gewohnt ist. Anno 2000 wurde „Die Polizistin“ fürs TV gedreht. Damals gab es noch die D-Mark. Die ist mittlerweile vergangen. Die Aktualität der Geschichte ist geblieben.

In Brandenburg war Anne (Gabriele Maria Schmeide, „Die Wolke“) Postangestellte, ehe sie die Polizeiausbildung absolvierte. Der Dienst aber trieb sie nicht nach Berlin, sondern in den Rostocker Problembezirk Lütten-Klein, wo die soziale Misere groß und die Arbeitslosenquote hoch ist. Hier fährt sie Streife, mit ihrem Kollegen Mike (Axel Prahl, „Das Wunder von Lengede“), der gern mehr wäre als nur ein Partner in beruflicher Verbundenheit. Sein Ratschlag ist simpel. Sie solle sich ein dickeres Fell zulegen. Denn Anne fehlt die beruflich unabdingbare Distanz zum Bürger.

Das zeigt sich am 10-jährigen Benny (Paul Grubba), einem verschlossenen Jungen aus sozial schwachem Hause. Der Vater, der russische Einwanderer Jegor (Yevgeni Sitokhin, „Nicht alle waren Mörder“), darf den Jungen nicht sehen. Weil er keinen Unterhalt zahlt, sagt die Mutter. Anne mischt sich ein. Weil sie sich sorgt, weil sie sich zu Jegor hingezogen fühlt. Als der Geld für Bennys Schulausflug auftreiben will, bleibt nur ein Überfall. Eine Wertung des Geschehens und der Handlungen der Figuren erlaubt sich Dresen nicht. Er observiert Alltäglichkeiten und lässt das Publikum Anteil daran nehmen. Mehr nicht.

Die Bilder sind körnig, in sprunghafter Montage verbunden. Sie machen die Unruhe des Polizeialltags erfahrbar. Darunter liegt ein Mosaik kleiner Geschichten, mehr Episoden, die unauffällig zusammengeführt werden. Über Annes Unfähigkeit, Beruf und Privatleben zu trennen, brechen Konflikte auf, die sie am Ende schwer belasten. Dabei wollte sie doch nur helfen. Den Menschen um sie herum, gleichsam sich selbst. „Die Polizistin“ ist eine packende, ebenso stark wie natürlich gespielte Charakterstudie. Dresen bleibt auch damit ein untrüglicher Sensor für soziale Milieuanalysen.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

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