Die Friseuse (D 2010)

die-friseuseKathi König, die vollschlanke Friseuse aus Leidenschaft, mutet an wie ein wandelndes Fettnäpfchen. Den Bandscheibenvorfall einer Kundin spielt sie lapidar herunter und kontert mit Multipler Sklerose. Ähnlich forsch ist auch ihr Äußeres. Die ausufernden Kurven kommen in engen Kleidern voll zur Geltung und werden durch farbenfrohe Strähnen und Obstschmuck in ihrer Aufdringlichkeit noch hervorgehoben. Schamgefühl hat die alleinerziehende Mutter sehr wohl. Aber ihr Fell ist über die Jahre so dick geworden, dass sie Anflüge der eigenen Peinlichkeit kaum mehr als solche wahrnimmt.

Dass „Die Friseuse“ dennoch grundlegend sympathisch daherkommt verdankt sie der Darstellung Gabriela Maria Schmeides („Henri 4“). Sie verleiht der selbstbewussten Kathi Ausdruck und, nun ja, Format. Nach der Trennung vom Gatten zieht es sie samt widerspenstiger Teenagertochter zurück nach Berlin Marzahn. Ersten bürokratischen Rückschlägen folgt ein folgenschweres Vorstellungsgespräch, bei dem sie aufgrund ihres „unästhetischen Erscheinungsbildes“ abgelehnt wird. Ihr weiteres Vorgehen folgt einer simplen Logik: Wenn sie schon niemand einstellen will, macht sie sich eben selbstständig. Ein starker Wille allein zählt jedoch wenig.

Die ersten Rückschläge bei der Existenzgründung lassen nicht lange auf sich warten. Schon wegen der Finanzierung. Im Altenheim versucht sie mit der gleichgesinnten Silke (Christina Große, „Die Könige der Nutzholzgewinnung“) Geld zu verdienen. Schwarz versteht sich. Um den Traum vom eigenen Friseursalon zu verwirklichen, lässt sich Kathi sogar auf Schleuser Joe (Rolf Zacher, „Männer wie wir“) ein, mit dem sie asiatische Flüchtlinge über die polnische Grenze nach Deutschland führt. Die aber wollen erst einmal in ihrer Wohnung versteckt werden, was zu interkulturellem Austausch und einer kleinen Romanze mit dem Vietnamesen Tien (Ill-Young Kim, „Ninja Assassin“) führt.

Die semidokumentarische Handkamera geht bei Kathi und ihrer Körperfülle ohne Scheu auf Tuchfühlung. Seien es nun Nacktszenen oder das morgendliche Aufstehritual, bei dem sie sich aufgrund der MS-Erkrankung mit einem ans Fenster gebundenen Springseil aus dem Bett hieven muss. „Die Friseuse“ kombiniert nach hergebrachter Bauart Komik und Tragik, über unausgeprägte Nebenfiguren und zu breit getretene Subplots verliert Erfolgsregisseurin Doris Dörrie („Kirschblüten – Hanami“) aber den roten Faden. Leicht ungelenk wirkt auch der Soundtrack, der primär aus schwerfälligen Blechbläsersounds besteht und der Ode an Selbstliebe und Toleranz gegenüber Fettleibigen eine unpassend comichafte Note verleiht. Unterm Strich ganz nett. Leider aber auch nicht viel mehr.

Wertung: (6 / 10)

 

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