Darfur (USA 2009)

darfurbollUwe Boll macht sich. Dem Gang nach Hollywood folgte der Trash, die Verfilmungen populärer Videospiele. Sie brachten ihm den Ruf des gegenwärtig schlechtesten Regisseurs der Welt ein. Zweifelsfrei sind einige dieser Werke Schrott. Verglichen mit dem Oeuvre des ebenfalls aus Deutschland stammenden Kollegen Ulli Lommel entsprechen seine Filme jedoch einem routinierten B-Standard. Dass die totale Ächtung haltlos übertrieben ist, zeigt auch die andere Seite des Wermelskircheners. Die setzt den Blick in menschliche Abgründe nicht als Mittel der Unterhaltung ein, sondern versucht die Welt nüchtern in ihrer universellen Grausamkeit zu erfassen.

Erstmals gelungen ist ihm dies mit „Stoic“ (im Deutschen „Siegburg“), der die qualvolle Tötung eines Häftlings durch drei Mitgefangene rekonstruiert. Die Inspiration lieferte ein wahrer Fall. Die Realität bedient der Filmemacher auch in „Darfur“. Doch wo das US-Kino, das die humanitären Katastrophen auf dem afrikanischen Kontinent im neuen Jahrtausend zunehmend aufgreift, das Leid massentauglich in starbesetzte Filme integriert (siehe „Blood Diamond“), verschleiert Boll nichts. In kargen, wenn auch bisweilen angestrengt verwackelten Handkamerabildern zeigt er den seit 2003 tobenden Völkermord im Sudan ohne Zurückhaltung in selten erlebter Drastik.

Die Rebellion gegen die Unterdrückung der Afrikaner durch die arabisch geprägte sudanesische Regierung wird mit Hilfe der arabischen Dschandschawid-Miliz bekämpft. Diese überzieht die Region mit Terror, überfällt Dörfer, brandschatzt, vergewaltigt. Die Hilfstruppe der African Union (AU) steht dem Genozid ohne Berechtigung zum Eingreifen gegenüber. Auf die Hintergründe verweist Boll nur beiläufig. „Darfur“ ist kein Film der großen Reden, es ist einer der brutalen Bilder. Dafür schickt er eine Gruppe westlicher Journalisten in ein entlegenes Dorf, dessen Bewohner vom Krieg gezeichnet sind. Die schweren Einzelschicksale gehen ihnen zu Herzen. So sehr, dass sie sich einer nahenden Miliz in den Weg stellen.

Deren Anführer ist über die Präsenz der AU-Gesandten und ihrer Begleiter sichtlich erzürnt und zwingt sie mit der Tötung eines Kindes zur Abreise. Was folgt ist ein schwer verdauliches Blutbad, das Boll ohne künstlerischen Anspruch und frei jeder voyeuristischen Ader als schonungsloses Pamphlet gegen die verschlossenen (medialen) Augen der restlichen – und vor allem der westlichen – Welt führt. Die Gewalt ist keinerlei Selbstzweck unterstellt. Auch dann nicht, als zwei Journalisten das Massaker mit Waffengewalt unterbinden wollen. Der verzweifelt heroische Akt mag dem Zwang einer ansatzweise flüssigen Narration geschuldet bleiben. Trotz kurzem Action-Intermezzo findet Boll aber schnell wieder zur radikalen Aufhebung klassischer Filmkonturen zurück.

Auch die Schauspieler, denen viel Raum zur Improvisation belassen wurde, überzeugen. Bei Namen wie Kristanna Loken („BloodRayne“), Edward Furlong („Terminator 2“) oder Billy Zane („Tal der Wölfe – Irak“) ist das wahrlich keine Selbstverständlichkeit. Sie stehen für die Ohnmacht, die der hehren Absicht im Angesicht der Barbarei Grenzen aufzeigt. „Darfur“ ist kaum erträgliche Aufklärung. Indem Uwe Boll das unvorstellbare Grauen, die Morde, die Schändungen, visuell erfahrbar macht, gibt er den namenlosen Opfern, die höchstens als Statistiken durch die Medien geistern, ein Gesicht. Manche der Verfolgten werden von sudanesischen Flüchtlingen gespielt, die die Hölle des Gezeigten selbst miterlebten. So eindringlich der Film dem Vergessen damit entgegenwirkt, so bitter dürfte die Erkenntnis ausfallen, dass ihm aufgrund des verstörenden Charakters nie die verdiente Aufmerksamkeit zuteil werden wird.

Wertung: (7 / 10)

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