Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia (USA/MEX 1974)

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Der am 21. Februar 1925 in Fresno geborene Regisseur und Autor David Samuel Peckinpah hat das Kino der Moderne wie kaum ein zweiter geprägt. Dabei wehten dem exzentrischen wie gefürchteten Filmemacher nicht selten stürmische Winde des Protestes entgegen. Umstrittene Klassiker wie „The Wild Bunch” (1968) oder „Steiner – Das eiserne Kreuz” (1977) unterstrichen Peckinpahs Ruf als kontroverser Inszenator blutdurchtränkter Meisterwerke. So ist allein Sam Peckinpahs beinahe komplett in Zeitlupe zelebrierter finaler Shootout von besagtem „The Wild Bunch” als referenzielle Blaupause moderner Actionfilme  zu begreifen. Neben Walter Hill („Long Riders”) beflügelte diese in der Hauptsache das Schaffen John Woos („A Better Tomorrow”). Peckinpahs zum Teil verstörende visuelle Brillianz bildet im Zusammenspiel mit atemberaubenden Schnittmontagen bis heute die Speerspitze gewaltreicher Kinoäthestik.

Dabei hob der bekennende Choleriker, Säufer, Kokser und Hurenbock den Ethos der Kameraderie fast immer in den Vordergrund und erzählte zumeist Geschichten von Männern, die der Lauf der Zeit schlicht hinter sich gelassen hatte. 1985 starb Peckinpah als einer der meistrezitierten Regisseure aller Zeiten und hinterließ der Welt 14 Filme, die fast ausnahmslos als Meisterwerke zu betrachten sind und von denen mehr als eine Handvoll wahre Klassiker darstellen. Im Zuge seiner Arbeit äußerte sich der Hang zur Primärbekundung von Kameradschaft auch in der sich stetig fortführenden Zusammenarbeit mit eingespielten Mitstreitern vor wie hinter der Kamera. So zählten der Komponist Jerry Fielding, die Kameraverantwortlichen Lucien Ballard und John Coquillon sowie die im Schneideraum zu Höchstleistungen aufgelaufenen Editorialkünstler Garth Craven, Robert L. Wolfe und Roger Spottiswoode zu seinen Vertrauten. Neben ihnen sind es Schauspieler wie James Coburn, Ben Johnson, Bo Hopkins, R.G. Armstrong, Strother Martin, L. Q. Jones, Jason Robards, Kris Kristofferson und sein Quasi-Alter ego Warren Oates, der insgesamt in vier Filmen unter der Direktion Peckinpahs mitwirkte.

Die letzte Zusammenarbeit des Gespannes, „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia” betitelt, geht auf das Jahr 1974 zurück und bildet einen der meist unterschätzten Filme dieser Dekade. Nicht allein aus diesem Grunde soll dem beeindruckenden Werk an dieser Stelle längst überfälliger Tribut gezollt werden. In dem zeigt sich der lateinamerikanische Großgrundbesitzer El Jefe (Emilio Fernandez) erbost über die ungewollte Schwangerschaft seiner Tochter. Nur schweigt sich diese über den Namen des Erzeugers aus. Erst die in einen Armbruch gipfelnden Torturen seitens der Handlanger des eigenen Vaters tragen den Namen Alfredo Garcia ans Tageslicht. Die Rache El Jefes manifestiert sich nur Augenblicke später in einem ausgesetzten Kopfgeld in Höhe von einer Millionen Dollar auf das Leben Garcias. Als Gegenleistung soll lediglich das Haupt des ehrlosen Frevlers an den mächtigen Landeigner ausgeliefert werden. Der Auftrag wird an ein amerikanisches Unternehmen weitergeleitet, das unverzüglich eine Hetzjagd auf internationaler Ebene in die Wege leitet.

Und so geschieht es, dass einige Zeit später die homosexuellen Profi-Killer Quill (Gig Young) und Sappensly (Robert Webber) in einer heruntergekommenen Touristenfalle in Mexiko auf den Pianospieler Bennie (Warren Oates) treffen. Dieser bekundet die Bekanntschaft Alfredo Garcias und beendet die Konversation mit dem Versprechen, sich umzuhören. Bennie befragt seine Freundin und Geliebte Elita (Isela Vega), eine Prostituierte, nach dem Verbleib und Aufenthalt Garcias, schließlich stand auch sie in lebhaftem Kontakt mit dem Todgeweihten. Von Elita erfährt Bennie vom unlängst geschehenen Unfalltod des Gesuchten und läßt sich für 10.000 Dollar anheuern, den Amerikanern binnen einer Frist von drei Tagen dessen Kopf zu präsentieren. Mit Elita und einer Machete im Gepäck bricht Bennie Tags darauf zum Grabe Alfredo Garcias auf. Dabei lässt er die Geliebte über die wahren Absichten der Fahrt im Unklaren. Verfolgt von zwei mysteriösen Gestalten, begeht das Paar den Ausflug mit einem Picknick und sinniert über eine gemeinsame Zukunft.

Doch erste dunkle Wolken ziehen auf, als Elita fast das Opfer einer Vergewaltigung durch den Biker Paco (Kris Kristofferson) wird. Doch Bennie bewältigt das Problem auf seine Weise und tötet sowohl Paco als auch dessen Mitstreiter. Die Stimmung sinkt weiter, als Elita von der tatsächlichen Bewandnis ihrer gemeinsamen Reise erfährt. Doch ihre Liebe zu Bennie zwingt sie in eine fortwährende Verwicklung des Leichenraubes. Schließlich gelangen die beiden zu besagter Grabstätte. Doch nach getaner Arbeit wird Bennie von den ominösen Verfolgern niedergestreckt. Lebendig begraben, muss der abgehalfterte Kleinganove nach der Ensteigung seiner vorgesehenen letzten Ruhestätte feststellen, dass Elita von den Häschern getötet wurde. Außer sich vor Zorn nimmt Bennie die Verfolgung der Mörder auf und erschießt die beiden im Zuge einer Autopanne. Mit dem von Fliegenschwärmen umschwirrten Leinenbeutel, der den abgehackten Kopf Alfredo Garcias beinhaltet, als makabrem Beifahrer macht sich Bennie auf, seine Prämie einzustreichen.

Jedoch soll die beschwerlich-staubige Straße des Triumphes noch von zahlreichen Leichen gesäumt werden, stellen sich doch nicht nur die hintersinnigen Amerikaner in Bennies Weg, sondern auch die Familie Alfredo Garcias höchstselbst. Auf den ersten Blick erscheint es erstaunlich, dass Sam Peckinpah für seinen persönlichsten Film auf die Mitarbeit so vieler vertrauter Personen verzichtete. Neben den Darstellern Warren Oates („The Wild Bunch”), Kris Kristofferson („Convoy”) und Emilio Fernandez („Pat Garrett jagt Billy the Kid”) lediglich der Schnittverantwortliche Garth Craven („Convoy”), sowie Komponist Jerry Fielding („Wer Gewalt sät”) an der Produktion beteiligt. Im Zuge der sehr detailliert ausgefallenen Charakterisierung Bennies gestattet Peckinpah dem Betrachter einen fast intimen Blick auf seine eigene Person und sein Selbstverständnis im Jahre 1974. Wie Bennie ist auch Sam Peckinpah als eine Art ausgebrannter Söldner zu betrachten, der in steter Folge Rückschläge zu verkraften hat und dessen gesellschaftlicher Umgang von Prostituierten geprägt ist.

Darüber hinaus verzichtet Peckinpah bei „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia” auf seinen sonst so innigst gepflegten Ethos der Kameraderie und erzählt stattdessen die Geschichte eines Einzelgängers im Kampf gegen den Rest der Welt; eine fast eindeutige Reflektion des verzweifelten Krieges des Regisseures gegen die scheinbar alles beschneidende Filmindustrie. Doch zeigt das Schicksal Bennies zudem unfreiwillige Parallelen zu Peckinpahs kreativer Abschiedszeit auf, in der er wie die Figur seines Filmes für hochrangige „Bonzen” unterqualifizierte Arbeiten vorlegte. Jedoch sollte unter den vier verbleibenden Filmen der aktiven Schaffensperiode des Sam Peckinpah noch das 1977 inszenierte Meisterwerk „Steiner – Das eiserne Kreuz” entstehen, das im Gegenzug überschattet wurde von klischeebeladenem Unterhaltungskino der Kategorie „Convoy” oder „Das Osterman Weekend”.

In den Jahren nach der Fertigstellung seines Geniestreiches „The Wild Bunch” verkam der kantige Inszenator allmählich vom handfesten Trinker zum Vollzeitalkoholiker und brachte seiner Gesundheit somit erste vernichtende Niederlagen bei. „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia” markiert die erste Arbeit ohne den Einfluß von alkoholischen Genußmitteln. Peckinpah selbst soll in diesem Zusammenhang einmal angemerkt haben, dass ihm sein Arzt vor Beginn der Dreharbeiten das Trinken strikt verboten haben soll und er aus diesem Grunde auf Marihuana umgestiegen sei! Nebenbei besaß Peckinpah bei „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia” auch das seltene Privileg uneingeschränkter Handlungsfreiheit, die sogar die Überwachung der endgültigen Schnittfassung einschloß und ihn dazu veranlasste, den Film als beinahe einziges Werk im Gesamtbild seiner Arbeiten als „sein” zu betrachten.

Unbestritten zählt dieser Streich Peckinpahs zu seinen intensivsten und ausdrucksstärksten Ausgeburten und nicht zuletzt aufgrund der feinen Charakterzeichnungen zu den gelungensten. Warren Oates zieht dabei alle Register seines Könnens und begeistert durch ein großartiges Minenspiel, das zwischen innerer Zerrissenheit und fast perversem Gerechtigkeitssinn taumelt, das fast unvermeidbare Selbstopfer am Ende eingeschlossen. Die darstellerische Leistung Isela Vegas („Barbarosa”) harmoniert indes perfekt mit dem tiefgreifenden Spiel Oates’ und bildet obendrein eine der wenigen prägnanten Frauenrollen im Oeuvre Peckinpahs. „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia” ist glänzende Charakterstudie, lakonischer Thriller und schwermütiges Road-Movie in einem. Momente beinahe andächtiger Ruhe werden dabei stetig durch den Einsatz von unheilsverkündenden Elementen und Bildern sowie dem schlichten Einbringen unbequemer Randfiguren durchbrochen, während trockener Humor und blanker Zynismus die wankelmütige Stimmung unterstreichen.

Auf formaler Ebene verzichtet Peckinpah zwar überwiegend auf ausufernde Gewaltdarstellungen, doch zollt der Rahmen der Handlung und der gegen Ende rasant ansteigende Leichenberg dem fast schwelgerischen Umgang des Regisseures mit Gewalt ausreichenden Tribut. Dabei gibt es auch hier wieder die gewohnt faszinierenden Zeitlupensequenzen zu bestaunen, die über die Jahre hinweg den Stil des Sam Peckinpah prägten. „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia” ist kein massentauglicher Unterhaltungsfilm, sondern unbehagliches Kunstkino, brillant gespielt und sehenswert inszeniert. Obendrein lohnt die Suche nach einem der besten Werke Peckinpahs allein schon der fulminanten Vorstellung des Warren Oates wegen.

Wertung: (8 / 10)

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