Steiner – Das Eiserne Kreuz (D/GB 1977)

„The German soldier no longer has any ideals. He’s not fighting for the culture of the West, not for one form of government that he wants, and not for the stinking party. He’s fighting for his life. God bless him.“ – Oberst Brandt

Kriegsfilme aus deutscher Perspektive sind selten. Meist genügen die Wehrmachtstruppen als klassische Bösewichter oder gesichtsloses Kanonenfutter. Die Ausnahmen, solche wie „Die Brücke“ (1959) oder „Stalingrad“ (1993), stammen weitgehend aus Deutschland. Ein besonderes Beispiel bildet „Steiner – Das Eiserne Kreuz“, der, realisiert mit deutschen und britischen Geldern, von einem erfahrenen US-Regisseur mit internationaler Starbesetzung im ehemaligen Jugoslawien gedreht wurde. Die Initiative ging von Produzent Wolf C. Hartwig aus, dessen Wirken am ehesten durch die „Schulmädchen-Report“-Reihe in Erinnerung blieb. Er trug rund vier Millionen Mark zusammen, um Willi Heinrichs 1955 erstveröffentlichten Roman „Das geduldige Fleisch“ auf Zelluloid zu bannen.

Der von ihm für die Regie verpflichtete Hollywood-Veteran ist Sam Peckinpah („The Wild Bunch“), jener berüchtigte Choleriker, der sich Zeit seines Werdegangs (und Lebens) mit Produzenten und Studios stritt, um seine Vision zu verteidigen. Meist ohne Erfolg. Als er Ende der Siebziger „Steiner“ drehte, hatte Peckinpah den Karrierezenit bereits überschritten. Auch am Set seines Übersee-Engagements soll er die meiste Zeit im Vollrausch gearbeitet haben. Umso erstaunlicher scheint, dass der Streifen in seinen intensivsten Momenten – und davon gibt es einige – mit den großen Werken des Enfant terrible mithalten kann. Zum Kinostart hagelte es dennoch Verrisse. Kritiker warfen dem Film Glorifizierung, typische Heldenposen und mangelnde Differenzierung vor. Am finanziellen Erfolg, gerade in Deutschland, änderte das nichts.

Durchweg entkräften lassen sich diese Anschuldigungen nicht. Doch sie lenken vom eigentlichen Kern ab. Denn Peckinpahs letzte herausragende Regiearbeit ist vor allem eines: ein grimmiges Schlachtengemälde, bei dem es trotz einer kritischen Grundhaltung gegenüber der Sinnhaftigkeit des Krieges vor allem um das Aufeinanderprallen sozialer Schichten und Stände geht. Die Gegenüberstellung erfolgt anhand zweier Soldaten: Der eine, Unteroffizier Rolf Steiner (James Coburn, „Pat Garret jagt Billy the Kid“), ist ein kriegsmüder Vollblut-Landser, der sich nicht um Rang oder Abzeichen schert und für seine Männer durchs Feuer geht. Der andere ist Hauptmann von Stransky (Maximilian Schell, „Die Brücke von Arnheim“), ein eitler preußischer Adliger, der glaubt, mit Männern seines Schlages sei der Krieg noch zu gewinnen.

Die beiden grundverschiedenen Männer treffen an der Ostfront des Jahres 1943 aufeinander. Die deutschen Truppen befinden sich auf dem Rückzug, der durch das Tauwetter des einsetzenden Frühlings erheblich erschwert wird. Entsprechend schlecht ist es um die Moral bestellt. Steiner und seine Männer – u. a. verkörpert von Klaus Löwitsch („Firefox“) und Fred Stillkrauth („Der Kurpfuscher und seine fixen Töchter“) – operieren im sich beständig verschiebenden Frontgebiet. Bestehende Regeln haben für sie keine Gültigkeit. Aber die Missionserfolge geben ihnen Recht. Das verschafft ihnen Freiheiten. Dem als Bataillonskommandant berufenen Stransky, der sich aus Frankreich hat nach Russland versetzen lassen, ist das ein Dorn im Auge. Nicht allein aufgrund des von Steiner repräsentierten Habitus, sondern vorrangig, weil diesem bereits das Eiserne Kreuz verliehen wurde.

„Do you know how much I hate this uniform and everything it stands for?“ – Steiner

Stransky, der auf Hitler selbst keine großen Stücke hält, glaubt als Aristokrat an die ethische Überlegenheit des Adels. Daraus ergeben sich gewisse (familiäre) Pflichten – allen voran der Erhalt des Eisernen Kreuzes. Im matschigen Ödland des Kriegsgebietes steht er mit dieser Grundhaltung alleine da. Der ihm vorgesetzte Oberst Brandt (James Mason, „Der unsichtbare Dritte“) gibt sich desillusioniert, sein Adjutant Kiesel (David Warner, „Tron“) gar hochgradig zynisch. Dem verlotterten Äußeren der Truppe trotzt allein Stransky, der das Bild vom aufrechten, akkurat frisierten Deutschen aufrechterhält. Ihm wird der hörige Leutnant Triebig (Roger Fritz, „Berlin Alexanderplatz“) zur Seite gestellt, den Stransky ob seiner Homosexualität erpresst und für seine Pläne einspannt, Steiner loszuwerden. Das erscheint umso dringlicher, da er sich im Kampfgetümmel als großer Feigling entpuppt und von Steiner als solcher diskreditiert zu werden droht.

Die Gegensätzlichkeit der Opponenten mag simpel erscheinen. Doch die Geschichte braucht sie als Antrieb eines schwelenden Konfliktes, auf dessen Rücken klar gegen Fanatismus und Kriegstreiberei Stellung bezogen wird. Auch die Ignoranz der Befehlshabenden wird thematisiert. Besonders deutlich wird dies im Lazarett, wo Steiner nach einer russischen Offensive mit Gehirnerschütterung landet, sich in surrealen Wahnvorstellungen ergeht und mit Krankenschwester Eva (Senta Berger, „Sierra Charriba“) anbandelt. Beim Besuch eines Offiziers reckt ein Patient ohne Hände den Fuß zum militärischen Gruß. Trotzdem soll das Gros der Versehrten nach wenigen Tagen wieder an die Front geschickt werden. Dazu lässt der emotionslose Hochrangige den Braten des zu Ehren der Soldaten anberaumten Büffets auf sein Zimmer bringen und gönnt den Verwundeten allein die Gemüsebeilagen – mit den besten Empfehlungen des Oberkommandos.

Die triste Atmosphäre von „Steiner“ entwickelt sich vom Fleck weg, ausgehend vom umfänglichen Vorspann, der Originalaufnahmen zeigt und auf der Tonspur das Kinderlied „Hänschen klein“ mit Motiven des „Horst-Wessel-Liedes“ kreuzt. Was folgt ist ein actionbetontes Drama, bei dem Peckinpah einmal mehr in Zeitlupe Kunstblut spritzen lässt. Selbst wenn er fast nie Einfluss auf den Endschnitt seiner Werke geltend machen konnte, bleibt sein Stil auch hier unverkennbar. Insbesondere den größeren Schlachtszenen ist durch vereinzelt holprige Sequenzen jedoch anzusehen, dass es aufgrund des knappen Budgets an Mensch und Material gemangelt hat. Trotzdem holt Peckinpah aus den Gegebenheiten einiges raus. Dabei lassen sich leicht Parallelen zwischen ihm und Hauptfigur Steiner ziehen: Beide sind eigenbrötlerische alte Hasen, die stets im Streit mit den eigentlichen Entscheidungsträgern liegen.

Das Spiel der Darsteller wirkt oft theatralisch, wie ein auf Zelluloid genanntes Bühnenstück. Die Dialoge erscheinen dazu überraschend authentisch und machen die Landser zwischen Kopfläusezerquetschen und Furzen im Gemeinschaftsbunker zu mehr als beiläufigem Kanonenfutter. Um sein Ziel zu erreichen, lässt Stransky den verhassten Steiner und seine Männer hinter den feindlichen Linien zurück. Die strenge Moral Steiners offenbart sich, als einer seiner Männer eine russische Soldatin vergewaltigen will. Bisweilen ist der Film pure Exploitation, doch findet Peckinpah stets die Balance zwischen kerniger Materialschlacht und brutalem Männer-Drama. Die Außergewöhnlichkeit von „Steiner“ wird auch im unkonventionellen, aus Termingründen eilig improvisierten Finale deutlich: Ein herkömmlicher Showdown bleibt aus. Stattdessen gibt es verächtliches Gelächter im Kugelhagel. Die Anerkennung als Klassiker des Kriegsfilms kam spät, lange nach Peckinpahs Tod. Gerechtfertigt ist sie unbestreitbar.

Wertung: (8 / 10)

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