3096 Tage (D 2013)

3096tageEs sind Fälle, die fassungslos stimmen. Menschen werden misshandelt, eingesperrt, missbraucht. Über Jahre. Doch geschieht all das nicht am anderen Ende der Welt, in Kulturkreisen, denen man überheblich moralische Unterentwicklung attestieren möchte, sondern in unmittelbarer Nachbarschaft. Es sind Reihenhäuser mit gepflegten Vorgärten und Menschen, über die Anwohner nach Offenlegung ihrer bestürzenden Taten sagen, dass sie so etwas nie erwartet hätten. Er war doch immer so freundlich und ruhig. Auf die weibliche Form wird bewusst verzichtet. Frauen sind bei solchen Verbrechern fast immer die Opfer, fast nie die Täter.

Im Gedächtnis bleiben die Gesichter der Schuldigen. Josef Fritzl zum Beispiel, der die eigene Tochter in einem Kellerverschlag einsperrte und mit ihr mehrere Kinder zeugte. Prominentestes Opfer ist Natascha Kampusch, die als Schulkind verschleppt und Zwangsgefährtin des Radio- und Fernsehtechnikers Wolfgang Priklopil wurde. Sie wagte nach ihrer Flucht und dem Selbstmord ihres Peinigers den Schritt in die Öffentlichkeit. „3096 Tage“ basiert auf ihrem eigenen Buch. Die Rechte daran erwarb Bernd Eichinger. Es war das letzte Filmprojekt, an dem der 2011 verstorbene Erfolgsproduzent (u.a. „Der Baader Meinhof Komplex“) arbeitete.

Natürlich ist die Frage erlaubt, ob – und generell warum – Kinofilme immer wieder den Versuch unternehmen, solch schockierende Kriminalfälle und das mit ihnen unweigerlich verbundene Martyrium erfahrbar machen zu wollen. Bei Meisterwerken wie „Monster“, die reale Hintergründe psychologisch zu ergründen versuchen, scheint dies noch deutlich erkennbar. Der von Sherry Hormann („Wüstenblume“) sichtlich behutsam inszenierte und von ihrem Gaten Michael Ballhaus („Die fabelhaften Baker Boys”) fotografierte Fall Kampusch beschränkt sich auf die bloße Nacherzählung aus Opfersicht. Mit zehn wird Natascha auf dem Schulweg von Priklopil (Thure Lindhardt, „Illuminati“) entführt und weggesperrt. Der Beginn eines acht Jahre währenden Leidensweges.

Formal gibt es an „3096 Tage“ nichts auszusetzen. Hormanns Inszenierung ist weder reißerisch noch sensationslüstern. Darstellerisch überzeugen Amelia Pidgeon und Antonia Campbell-Hughes („Albert Nobbs“), die Natascha in verschiedenen Altersstufen verkörpern und ihre Degradierung zum Menschending, das Lust und Frust ihres Entführers schutzlos ausgesetzt ist, eindringlich herausstellen. Ihr Überlebenswille lässt sie kooperieren, um schrittweise Freiheiten zu erhalten. So werden episodisch Stationen des Lebens an der Seite des Peinigers aufgezeigt.

Irgendwann holt er sie vom Keller in die Wohnung und drängt sie in ein pervertiertes Beziehungsabbild, das sie mal trotzig, meist gefügig erträgt, bis sie nach acht quälenden Jahren in einem unbeobachteten Moment die Gelegenheit zur Flucht nutzt. Nebenbei erfolgen flüchtige Blicke in Kampuschs dysfunktionales Elternhaus und die vage Skizzierung von Muttersöhnchen Priklopil. Jedoch bleibt der Film lediglich sture Rekonstruktion, ein die Erlebnisschilderung des Opfers nacherzählendes True Crime-Drama ohne nennenswerten Erkenntnisgewinn. Wirklich gebraucht hat es diese Erfahrbarmachung ungeachtet grundlegender Überzeugungskraft nicht.

Wertung: (5 / 10)

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