The Night Comes for Us (RI/USA 2018)

Ein romantisierender Name für eine grausame Institution: „Die Sechs Meere“. Für die im Goldenen Dreieck operierenden Verbrecherorganisationen steht er für ein halbes Dutzend anonyme Individuen, die das Regelwerk der Triaden mit allen erdenklichen Mitteln bewahren. In der Hauptsache bedeutet das blutige Exempel. Einer dieser Elitekiller ist Ito (Joe Taslim, „The Raid“). Als er während eines Massakers Gnade walten lässt und die junge Reina (Asha Kenyeri Bermudez, „The Doll“) verschont, gerät er selbst auf die Abschussliste. In der Zusammenfassung klingt das nach simpler Standardkost. Dutzendfach gesehen, immer nach Schema F. Allen voran im Actionfach.

Grundlegend trifft das auch auf „The Night Comes for Us“ zu. Doch es gibt einen zentralen Unterschied: Timo Tjahjantos Film ist eine indonesische Produktion. Nach Maßgabe der „The Raid“-Teile oder auch dem von ihm gefertigten „Headshot“ bedeutet das vor allem zwei Dinge: voller Körpereinsatz und ein offensiver Härtegrad, der zartbesaitete Zuschauer verstören dürfte. Die Geschichte findet ihre Fortführung, indem Ito abtaucht, gewillt, das Verbrecherleben hinter sich zu lassen. Mit Reina findet er Zuflucht bei Fatih (Abimana Aryasatya), Bobby (Zack Lee, „The Raid 2“) und Shinta (Salvita Decorte, „Halfworlds“), alten Vertrauten, die ihm helfen, das Mädchen zu beschützen.

Während er Geld und falsche Pässe besorgt, wendet sich sein geprellter Boss an Arian („The Raid“-Star Iko Uwais). Der will in der Unterwelt aufsteigen und ist dafür bereit, Jugendfreund Ito zu opfern. Unerwartete Hilfe erhält der abtrünnige Killer von einer undurchsichtigen, „Operator“ genannten Kämpferin (Julie Estelle, „The Raid 2“). In der Verknüpfung von betont düsterem Drama und übertriebener Action erscheint Tjahjantos brachiale, visuell zeitgemäß aufgestellte Läuterungsgeschichte wenig sattelfest. Vor allem die Figuren und ihre Motive bleiben überschaubar ausgearbeitet.

Somit speisen sich die Impressionen einzig aus dem reichhaltigen Fundus ultrabrutaler Gefechte, bei denen sich wenige (oder gar einzelne) einer schieren Übermacht erwehren müssen. Der große Vorteil für Ito und Getreue: die Heerscharen an Gegnern greifen stets geordnet, einer nach dem anderen, an. Wäre dem nicht so, „The Night Comes for Us“ wäre vermutlich nach einer halben Stunde vorüber. So aber kann Ito seine Chance wahren und einen schieren Orkan aus splitternden Knochen, durchschnittener Kehlen und zerschossenen Körpern forcieren.

Klassische Martial-Arts bleiben eher rar gesät, in der Hauptsache scheint es darum zu gehen, die Leidensfähigkeit des menschlichen Körpers zu immer neuen Extremen zu führen (krassestes Beispiel: das finale Duell zwischen Taslim und Uwais). Daraus resultiert eine akute Überzeichnung, die das splattrige, mit Unterstützung des Streaming-Riesen Netflix geschaffene Action-Drama fast grotesk erscheinen lässt. Aufregend ist der zünftige, mit Klingen und Kugeln mitunter ermüdend ausgereizte Aderlass, fraglos. Gespart wurde aber einmal mehr an der erzählerischen Substanz.

Wertung: (6,5 / 10)

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