The Dixie Chicks: Shut Up & Sing (USA 2006)

the-dixie-chicks-shut-up-and-singDokumentarfilmerin Barbara Kopple („American Dream“) nimmt gern den Weg des erhöhten Widerstands. Die zweifache Oscar-Preisträgerin wurde durch ihre ungeschönten Beiträge zum Arbeitskampf in Amerika bekannt. Sie ist an Gegenwind gewöhnt, was auf das in „Shut Up & Sing“ vorgestellte Neo-Country-Trio The Dixie Chicks nicht zutraf. Zumindest bis Sängerin Natalie Maines 2003 zu einer Äußerung über US-Präsident Bush während eines Konzerts in London ausholte. Sie schäme sich dafür, dass der mächtigste Mann der Welt wie sie aus Texas stamme. Das britische Publikum johlte unter Beifall. Als sich der Wortlaut über die englische Presse bis nach Übersee verbreitete, löste er dort einen Skandal aus.

Das europäische Vorurteil des ignoranten Amerikaners wird durch Kopple und Co-Regisseurin Cecilia Peck unterfüttert. Ihr Film ist ein Querschnitt durch die Wirkungsmechanismen der Mediengesellschaft, kombiniert mit einer Bestandsaufnahme erzkonservativen Nationalstolzes. Maines’ Unmut resultierte aus dem fadenscheinig begründeten Einmarsch der US-Truppen in den Irak. Bush lenkte die Augen mit Geschick von den innenpolitischen Problemen nach außen. Eine Taktik, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 stets aufgegangen war. Seine Popularität fand in dieser Phase ihren Zenit. Das Volk stützte ihn in weiten Teilen bedingungslos.

Die Dixie Chicks sind eine der erfolgreichsten Frauenbands der Musikgeschichte. Ihre Vision des uramerikanischen Country kommt generationsübergreifend an. Nur wählt die bis zur Krempe des Cowboyhuts patriotisch veranlagte Klientel jenes Genres gemeinhin die Republikaner. Mit entsprechender Härte brach der Sturm der Entrüstung über Auslöserin Maines und ihre Gefährtinnen, die Schwestern Emily Robison und Martie Maguire, herein. Das „Land of the Free“ sah sich in seinen Grundfesten erschüttert. Es wurde protestiert, attackiert und diffamiert. Radiosender boykottierten ihre Lieder und stellten vereinzelt Abfalltonnen auf, in denen erboste Fans ihre CDs entsorgen konnten.

Die Ereignisse werden von der persönlichen, der karrieristischen und der öffentlichen Seite betrachtet. Die erste weckt Sympathie. Nachdem sich die Frauen vom anfänglichen Schock erholt haben, ergehen sie sich in solidarischer Verbundenheit. Aufgabe ist keine Option. Also ziehen sie sich ins Studio zurück und nehmen mit „Taking the Long Way“ ihr persönlichstes Album auf. Mit den Kritikern abgerechnet wird über die Musik. Die zweite Ebene vermittelt Einblicke in die Funktionsweise der Musikindustrie. Werbeverträge drohen aufgekündigt zu werden, Ausstrahlungen in Rundfunk und TV werden aus Angst vor Publikums- und Werbeeinbußen eingestellt.

Erschreckendes offenbart sich in der Öffentlichkeit. Jeder scheint vom Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch zu machen, um den drei Frauen das ihre abzusprechen. Selbst vor einer Morddrohung wird nicht zurückgeschreckt. Bei aller Schwere ist „Shut Up & Sing“ ein spannender, oft komischer und allen voran wichtiger Film. Nicht wegen des Inhalts, sondern aufgrund seiner Aussage. Die ist ungeachtet ihrer kämpferischen Basis grundlegend patriotisch. Sie steht für eine Demokratie ein, die jedem Bürger seine eigene Meinung, mehr noch deren öffentliche Äußerung zugesteht. Da erscheint es fast wie ausgleichende Gerechtigkeit, dass sich Bush dem politischen Bankrott nähert, während die Dixie Chicks für „Taking the Long Way“ mit fünf Grammys bedacht wurden.

Wertung: (8 / 10)

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