Spiel mir das Lied vom Tod (I 1968)

spielmirdasliedvomtodEin Film, ein Klassiker, eine Legende. Mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ brachte Sergio Leone seine Fertigkeit als Regisseur zur Vollendung. Die vorangestellte „Dollar“-Trilogie begründete nicht nur den Italo-Western, sie bedeutete seinem Urheber auch eine Phase des Experimentierens, während der er das untrügliche Gespür für die endgültige Komposition von Bild und Erzählung erlangte. „Zwei glorreiche Halunken“, wahrlich glorreicher Abschluss dieses Hauptdarsteller Clint Eastwood zum Star machenden Vorlaufs, offenbarte Leones Hang zur epischen Breite, die gerade durch den Verzicht auf verklärendes Pathos ihre durchschlagende Wirkung erzielt.

Das brillante Folgewerk zeichnet schärfere Konturen des elegischen Abgesangs auf die Mythen des Westerns, auch die von ihm selbst heraufbeschworenen. Der Originaltitel „C´era una volta il West“ – „Es war einmal im Westen“ – deutet die Schwermut der darunter liegenden Geschichte bereits an. Es geht um das, was war. Der Wandel der Welt, einer uramerikanischen, aus Sicht des virtuosen italienischen Filmemachers. Die Epoche der Industrialisierung, der Siegeszug der Technik, dessen rasch wachsender Schatten den Lebens- und Handlungsraum der klassischen Revolvermänner einschnitt. Bis sie der Fortschritt am Ende endgültig eingeholt hatte.

Dennoch bleibt das Gut-gegen-Böse-Schema erhalten, auf dem Buckel einer klassischen, wenn auch in prächtig zelebrierte Dehnung getauchte Rachegeschichte. Um die kreisen drei Protagonisten, deren Antrieb die Taten des Outlaw Frank (Henry Fonda mit einer Galavorstellung als Leinwandschurke) bilden. Dem in den „Dollar“-Filmen von Eastwood geprägten Image des wortkargen Fremden ohne Namen entspricht hier Charles Bronson („Rivalen unter roter Sonne“). Die Entwicklung seiner Figur ist eng an eine gemeinsame Episode aus Franks Vergangenheit gekoppelt, im großen Finale durch die weltberühmte Szene einer sadistischen Hinrichtung aufgelöst. Bronsons Markantes Beiwerk ist die Mundharmonika, so auch sein Rollenname, auf der er die immer gleiche Melodie spielt. Das Lied vom Tod.

Frank hat dem „ungesetzlichen“ Morden abgeschworen und verdingt sich als Exekutivorgan einer Eisenbahngesellschaft, die den Ausbau der Schienenanbindung ohne Skrupel vorantreibt. Diesen Plänen im Wege stehende Siedler werden vertrieben – oder gleich beseitigt. Dort kommt der Bandit ins Spiel. Als er mit seiner Bande Witwer Brett McBain (Frank Wolff, „Leichen pflastern seinen Weg“) und dessen Kinder tötet, ahnt er nicht, dass der Auftrag wegen Südstaatenschönheit Jill (die einzig echte Frauenrolle im europäischen Western: Claudia Cardinale, „Der Leopard“), die den Ermordeten kurz zuvor geheiratet hatte, nicht vollendet ist. Mundharmonika und der Bandit Cheyenne (Jason Robards, „Die fünf Geächteten“) nehmen sich des Problems in ihrem Namen an.

Schon die furiose, gut 13-minütige Auftaktsequenz ging in die Annalen der Kinohistorie ein: Die markanten Chargen Woody Strode („Keoma – Melodie des Sterbens“), Jack Elam („Vera Cruz“) und der noch während der Dreharbeiten durch Selbstmord aus dem Leben geschiedene Al Mulock („Zwei glorreiche Halunken“) erwarten auf Franks Geheiß den Zug, aus dem Mundharmonika steigt. Doch die befohlene Liquidierung des Ankömmlings, verdeutlicht durch nur drei im Hintergrund angebundene Pferde, misslingt. Denn nachdem das vermeintliche Opfer sagt, es wäre nicht ein Gaul zu wenig, sondern zwei zu viel, legt er seine Gegenüber um. Szenen wie diese brennen sich ein und versprühen dabei eine Coolness, die nie Kalkül des Skripts, sondern stets Teil der Charakterisierung sind.

Exzellent ist auch der Soundtrack: Für jeden Hauptcharakter schuf Ennio Morricone („Todesmelodie“) ein eigenes Thema. In Kombination mit der inszenatorischen Wucht und den bravourösen Schauspielerleistungen entstand so ein monumentaler, von Leone mit Bernardo Bertolucci („1900“) und Splatter-Papst Dario Argento („Suspiria“) konzipierter, jedoch mit Sergio Donati („Von Angesicht zu Angesicht“) in ein Drehbuch verwandelter Meilenstein. Die fulminant fotografierte Oper der Gewalt ist unbestritten der beste Italo-Western überhaupt, darüber hinaus aber auch einer der grandiosesten Vertreter des gesamten Genres. Ein schier unvergessliches Filmerlebnis.

Wertung: (10 / 10)

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