Leichen pflastern seinen Weg (I/F 1968)

leichenpflasternseinenwegDie klar abgegrenzte Gegensätzlichkeit von Gut und Böse stützt uns und erhält, anders als es der Blick in die Abendnachrichten suggeriert, den Glauben an eine gerechte Welt. Die überlebensgroßen Recken, die finsteren Unholden todesmutig die Stirn bieten, sind darum unersetzlich. Selbst der Spaghetti-Western, die europäische Abart des ältesten Genres der Filmhistorie, hat seine heroischen Archetypen. Nicht selten sind sie von Staub und Hass zerfressen. Dabei aber, und dort findet sich die Kontinuität des Kontextes, befriedigen auch sie das Bedürfnis nach Bestrafung der Gesetzlosen.

„Leichen pflastern seinen Weg“ markiert auf nahezu verstörende Weise den Bruch mit dieser Tradition. Der Triumph des Helden bleibt aus. Am Ende siegt nicht die Gerechtigkeit, sondern das Übermaß an Skrupellosigkeit. Die Illusion des automatischen Siegers, wenn seine Absicht nur hehre genug ist, wird jäh zerstört. Obgleich nicht überall. Das japanische Publikum bekam eine finale Sequenz nach hergebrachter Bauart geboten. Der Rest der Welt durfte sich ob des radikalen Gegenentwurfs zur gewohnten Heldenverehrung verdutzt die Augen reiben.

Natürlich mag es die Spannung zerstören, wenn der finale Kniff in derart breiter Form vorweggenommen wird. Allerdings ist es gerade die konsequente Verweigerung vor dem vermeintlich sicheren Reglement des Unterhaltungsfilms, die dies krasse Werk so besonders, ja fast einzigartig macht. Der Zuschauer setzt sich der Willkür des Regisseurs – es dirigierte „Django“-Schöpfer Sergio Corbucci – aus, mit der Erwartung etablierter Konventionen. An dieser Vorstellung rüttelt der Film. Mit durchschlagender Wirkung.

Überhaupt wird der Archetyp des Westerns verzerrt, indem Corbucci sein trostloses Meisterstück in schneebedeckten Bergweiten ansiedelt. Dorthin verschlägt es den stummen Revolvermann Silence (Jean-Louis Trintignant, „Drei Farben – Rot“), der seinen Gegnern, anstatt sie zu töten, die Daumen abschießt, auf dass ihnen zukünftiger Waffengebrauch verwehrt bleibt. Das Areal um die Kleinstadt Snow Hill, fest in der Hand des Unternehmers Pollicut (Luigi Pistilli, „Bandidos“), ist ein Hort der Rechtlosigkeit. Die Armen sind gezwungen zu stehlen, um nicht dem Hungertod anheim zu fallen. Das macht sie zu Vogelfreien – und lockt Kopfgeldjäger an.

Deren sadistisches Sprachrohr ist der grabkalte Loco (brillant: Klaus Kinski, „Für ein paar Dollar mehr“), der ohne Zögern tötet, wenn sich daraus für ihn ein Vorteil ergibt. Um der Anarchie und dem schier endlosen Morden Einhalt zu gebieten, wird Sheriff Burnett (Frank Wolff, „Spiel mir das Lied vom Tod“) in die Region entsandt. Er soll mit den Prämiengeiern aufräumen, denen auch der Bruder von Pauline (Vonetta McGee, „Im Auftrag des Drachen“) zum Opfer gefallen ist. Silence steht ihr bei. Doch hat weder er, noch der idealistische Gesetzeshüter die Kraft, das aufziehende Unheil abzuwenden.

Corbucci schuf mit „Leichen pflastern seinen Weg“ einen der härtesten und besten Western aller Zeiten, ein unvergessliches, sich förmlich ins Gedächtnis brennendes Meisterwerk. Und das nicht nur aufgrund des nihilistischen Finales, das den obligat gewordenen Sieg der gerechten Sache radikal konterkariert. Der Untergang der Menschlichkeit wird am frostigen Arsch der Welt durchgespielt, einem stimmungsvoll fotografierten Mikrokosmos scheinheiliger Rechtschaffenheit. Ennio Morricones („Es war einmal in Amerika“) Musik setzt dieser Hölle auf Erden die künstlerische Krone auf. Ein wichtiger Film, so klug wie brutal.

Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)

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