Für eine Handvoll Dollar (I/E/D 1964)

fuer-eine-handvoll-dollarDer Beginn einer Ära: Mit dem Ritt des Mannes ohne Namen in das Grenzkaff ohne Namen erhob Meisterregisseur Sergio Leone („Es war einmal in Amerika“) den Italo-Western aus der Taufe. Er stellte den Coolness neu definierenden Clint Eastwood („Hängt ihn Höher“) zwischen zwei rivalisierende Verbecherclans – und verhalf dem damals annähernd unbekannten Darsteller, der nach Henry Fonda, James Coburn, Charles Bronson und Richard Harrison nur fünfte Wahl war, zum Start einer Weltkarriere. Eastwood wurde zum Archetyp des zynischen Einzelgängers. Ein Image, das er erst lange nach „Dirty Harry“ ablegen sollte.

„Für eine Handvoll Dollar“ ist nicht der erste Film seiner Art, wohl aber der erste, der in Form und Ausdruck all das verkörpert, was dies Genre später auszeichnen sollte. Da wäre zum Beispiel der Bruch mit den etablierten Gut-Böse-Schemata des Hollywood-Westerns. Eastwood ist nicht weniger skrupellos als seine Gegner, wohl aber gerissener. Dazu kommt der Charme des Draufgängers und die Kaltschnäuzigkeit eines Poncho tragenden, gekürzte Zigarillos – die Idee stammt von ihm selbst – paffenden Revolvermannes. Ein abweichenderes Motiv als die eigene Bereicherung auf Kosten der Menschenleben anderer braucht er nicht. Wozu auch? Es erwischt doch ohnehin (fast) nur Diebe und Mörder.

Die Kleinstadt ist ein Hort der bösen Buben. Die, aufgeteilt in zwei familiengeführte Banden, treiben regen Handel mit Feuerwaffen und -wasser. Die Baxters scheinen geschäftlich erfahrener, die Rojos brutaler. Die Koexistenz funktioniert so lange, bis der Fremde – am Rande einmal Joe genannt – eintrifft. Nachdem ihm einige von Baxters (die Deutsche Synchronstimme von John Wayne und Gary Cooper: Wolfgang Lukschy, „Durchs wilde Kurdistan“) Helfershelfern krumm kommen, knallt er sie einfach nieder – direkt vor der eigenen Haustür. Im Anschluss lässt er sich von einem der drei Rojo-Brüder anheuern. Es folgt die Gegenseitige Ausspielung der Parteien – denn für die Weitergabe von Informationen kassiert er auch von den Baxters Geld – und die Eskalation der Gewalt.

In Ramón Rojo (Gian Maria Volonté, „Töte Amigo”) findet er einen Gegenspieler, der ihm in Sachen Kaltblütigkeit weit überlegen scheint. Das birgt eine Gefahr, die ihn fast das Leben kostet. Denn die von Rojo unter Zwang fest- und von Mann und Kind ferngehaltene Marisol (Marianne Koch, „Tal der Hoffnung“) bedeutet als einzige die Schwäche des wehrlosen Normalbürgers. Ihr will der Fremde helfen. Allein darin hebt er sich von den ihn umgebenden Strolchen ab. Und natürlich in der Schnelligkeit am Abzug, mit der er eine stattliche Zahl Leichen anhäuft.

Um die Konkurrenz aus dem Geschäft zu drängen, entlädt sich die wachsende Spannung in einem wüsten Sturm auf das zuvor in Brand gesetzte Anwesen der Baxters. Hier zeigt sich die ungeschliffene Härte des Italo-Westerns, wenn Leone lachende Revolvermänner auf unbewaffnete Männer und Frauen schießen lässt. Der Subtext reduziert die Welt, hier ein unwirtlicher Mirkokosmos aus hellem Gestein und sengender Sonne, auf das in Ungleichgewicht geratene Kräfteverhältnis der Herrschenden. Darwin entsprechend siegt der Stärkere. Doch es gibt ja noch den Fremden.

Neben Leones kantiger, jedoch straffer Inszenierung, die in der Folge mehr und mehr zur Virtuosität wurde, lebt die nihilistische, jedoch nie ausweglose Geschichte von Ennio Morricones („The Good, the Bad and the Ugly“) stimmiger Musik. Der 2007 für sein Lebenswerk Oscar-prämierte Komponist arbeitete hier zum ersten Male, wenn von Seiten des Regisseurs auch nur widerwillig, mit Leone zusammen. Eine Kooperation, von der beide in der Zukunft profitieren sollten.

„Für eine Handvoll Dolar“ war ein durchschlagender Erfolg. Das erregte auch die Aufmerksamkeit von Akira Kurosawa, der sich schwer an sein 1961 gedrehtes Werk „Yojimbo“ erinnert fühlte. Der darauf folgende Rechtsstreit brachte ihm und Ko-Autor Ryuzo Kikushima ein stattliches Entgeld – es heißt rund 15 Prozent des weltweiten Einspielergebnisses – ein und bereicherte sie mehr als der eigene Film. Aber zumindest konnte Kurosawa, der in Japan Zeit seines Lebens als westlich beeinflusster Regisseur galt, den Kritikern entgegenstellen, dass er wiederum dem Weste(r)n seinen Stempel aufdrücken konnte. Eine Pattsituation mit Folgen für die Landschaft beider Kinowelten – und für den Italo-Western ein Einstand nach Maß.

Wertung: (8 / 10)

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