Sleepy Hollow (USA/D 1999)

sleepyhollowDas Erfolgsrezept ist so einfach wie genial: Man nehme eine allseits bekannte Volkssage – Washington Irvings „Die Legende von Sleepy Hollow“ –, besetze sie mit einem der populärsten wie zugleich in seiner Rollenwahl exzentrischsten Darsteller der Gegenwart und übertrage die Regie einem Filmemacher, der wie kaum ein zweiter durch berauschend morbide Bilderwelten zu Verzaubern versteht. Die Rede ist natürlich von Johnny Depp („From Hell“) und Tim Burton („Big Fish“), eines der Traumgespanne in Sachen perfekter Harmonie zwischen Inszenator und Akteur.

Als „Sleepy Hollow“ Ende des letzten Jahrtausends in die Kinos kam, beschäftigte er die Gemüter. Muss ein Märchen, und sei es auch noch so abgründig, derart blutig zur Schau gestellt werden? Natürlich muss es das, schließlich zollt Burtons Meisterwerk den legendären britischen Hammer-Studios Tribut, die in den 60er- und 70er-Jahren schaurigen Fließband-Horror für Genreliebhaber produzierten. Eines der Aushängeschilder des englischen Gothic-Grusels ist Christopher Lee („Dracula und seine Bräute“), den Burton, wie schon Vincent Price in „Edward mit den Scherenhänden“, für einen Gastauftritt gewinnen konnte.

Getragen wird diese liebevolle Hommage bei aller Pracht der Ausstattung von Hauptdarsteller Depp. Er brilliert als hasenfüßiger, entgegen seiner Zeit ungewöhnlich rationaler Inspektor Ichabod Crane, dessen unorthodoxe Methoden der Jahreszahl 1799 weit voraus eilen. Das verschrobene Genie prädestiniert sich damit für die Untersuchung einer Serie mysteriöser Todesfälle, die sich im verschlafenen Städtchen Sleepy Hollow zutragen. Die scheinbar einzige Gemeinsamkeit der Opfer: Sie alle wurden enthauptet. Nur sind die Köpfe der Ermordeten nicht aufzufinden. Gerüchte ranken sich um die Rückkehr des Hessen (Christopher Walken, „Das Begräbnis“), der als kopfloser Reiter Rache für seinen gewaltsamen Tod fordert.

Dass dies surreale Gore-Fest – bei den zahlreichen Tötungen geizt Burton wahrlich nicht mit leuchtend rotem Kunstblut – nicht an der Verspieltheit seiner Visualisierung scheitert, liegt neben Johnny Depp an der ihn hervorragend umspielenden Riege namhafter Chargisten. Zum Auftakt wird gleich Martin Landau – der für seine überragende Darstellung des Bela Lugosi in Tim Burtons „Ed Wood“ den Oscar als bester Nebendarsteller erhielt – das Haupt von den Schultern getrennt. Im weiteren Verlauf sind es unter anderem Christina Ricci („Buffalo ´66“), Michael Gambon („Der gute Hirte“), „Star Wars”-Imperator Ian McDiarmid und Miranda Richardson („The Hours“), die das notwendige Gleichgewicht zu Depps zügelloser Performance aufbieten.

Anfangs dreht sich die Frage darum, ob es sich bei dem Mörder nun um tatsächlich um einen Geist, oder doch nur die Bestie in Menschengestalt handelt. Aber Tim Burton wäre nicht Tim Burton, wenn er die Antwort nicht in einem albtraumhaften Bilderrausch zugunsten der fantastischen Variante ausrichten würde. Natürlich stellt das den realitätsbehafteten Ermittler vor gewaltige Probleme, doch springt er über den Schatten der Vernunft und wagt den Kampf gegen den ruhelosen Schrecken. In seiner Melange aus verschrobenem Humor, optischer Brillanz und schauriger Atmosphäre schafft der eigenwillige Filmemacher Hollywood-Kino in Vollendung. Der Schwenk zwischen massenkompatiblem Unterhaltungsformat und künstlerisch kreativem Anspruch könnte kaum eindrucksvoller gelingen. Ein Meisterwerk.

Wertung: (9 / 10)

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