Prinzessinnenbad (D 2007)

prinzessinnenbad„Ich komm aus Kreuzberg, du Muschi.“ – Tanutscha beim Telefonchat

Ein Film über Jugendliche in Kreuzberg. Das weckt Erwartungen an Ausländerklischees und Ghettoproblematik. Zumindest bei denjenigen, die den Berliner Stadtteil nur aus dem Fernsehen, schlimmer noch einzig vom Hörensagen kennen. „Prinzessinnenbad“ ist eine Dokumentation, die zwar um das Leben im Hauptstadtbezirk kreist, sich vorangehend aber alltäglichen Widrigkeiten des Erwachsenwerdens widmet. Am Beispiel dreier Teenager, Klara, Mina und Tanutscha, wird unbefangen in das Gefühlswirrwarr einer Generation geblickt, die auf der Straße zur Selbständigkeit erzogen wird. Und das nicht einmal zum Leidwesen der Eltern.

Das im Titel geschlechtlich angepasste Prinzenbad ist die zentrale Anlaufstelle in Kreuzberg, wenn die Hitze der Sommermonate zur Abkühlung mahnt. Regisseurin Bettina Bluemner („Die Kette“) setzt dort an, begleitet die drei fünfzehnjährigen Mädels bei ihren Freizeitaktivitäten, dem Umgang miteinander, den Gesprächen über Themen die bewegen: Liebe, Sex, Drogen, Zukunft. Der Blick bleibt ungeschönt, weil das Trio, auch die Erziehungsberechtigten, ihn bis zur Intimität gewähren. So wie Klaras abzuleistende Sozialstunden wegen der Plünderung von Großmutters Ersparnissen. In ihren Köpfen steckt Naivität, Pisa hin oder her, jedoch kein Mangel an Intelligenz.

Ohne vorgezeichnete Dramaturgie, ohne fixen Schlusspunkt folgt die Kamera den Freundinnen bei ihren Streifzügen durch das urbane Dickicht. Entlang der Hochbahn in den Görlitzer Park, zum Treffen mit Freunden. Oder im Gespräch mit den Müttern. Das verbirgt keine Milieustudie und auch kein Zeitgeistportrait zielloser Teenager. Der Film erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, er fühlt den Puls der Protagonistinnen. Wer dabei auf das große Ganze schließen möchte, ist herzlich eingeladen. Die Essenz aber liegt darin, dass die gern abgeschriebene Jugend ihren eigenen Weg findet. Dazu gibt es keine festen Regeln. Höchstens nicht schwanger werden und Finger weg von Heroin.

Mit einer naseweisen Klugheit und viel Charme verdichtet sich der persönliche Einblick zum amüsanten Tauchgang in die Jugendkultur. Die bleibt selbstredend nicht frei von Alltagsproblemen. Ob in der Schule oder zu Haus, Hürden gibt es überall. Die aufgeweckten und selbstbewussten Erzählerinnen meistern sie auf ihre Weise. Gleiches gilt für Bluemner, die den gern zitierten Problembezirk Kreuzberg in all seinem oft romantisierenden Flair einfängt. Die Wahrheit liegt nicht irgendwo da draußen, sie offenbart sich direkt vor unseren Augen. Und nach ihr ist Deutschland auch mit der Folgegeneration nicht dem Untergang geweiht. Ein starkes Werk.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

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