No One Lives (USA 2012)

noonelivesDer Japaner Ryūhei Kitamura macht schöne Filme. Schön blutige Filme, wie etwa den furiosen Zombie-Actioner „Versus“ (2000), den Chambara „Azumi“ (2003) oder sein US-Debüt „Midnight Meat Train“ (2008), der vieldiskutierten Verfilmung der in Deutschland immer noch unveröffentlichten Clive Barker-Novelle. Den Letztgenannten darf man ruhigen Gewissens als einen der besten Horrorfilme (für Erwachsene) des neuen Jahrtausends bezeichnen. In solchen Fällen sind die Erwartungen an den nächsten Streich eines Regisseurs nicht selten enorm und oft genug erweist sich die Hoffnung, erneut ein Meisterwerk vorgesetzt zu bekommen, als Irrglauben. Kitamura-sans Neuer muss leider auch in diese Kategorie eingeordnet werden, auch wenn „No One Lives“ alles andere als ein Debakel geworden ist.

Ein namenloser Mann (Luke Evans, „Immortals“) und seine Freundin (Laura Remsey, „The Ruins“) sind auf der Durchreise, als sie die Bekanntschaft einer skrupellosen Banditengemeinschaft machen dürfen. Als die Bösen in einem Geheimfach des Kofferraums eine verstörte jung Frau finden, die sich als acht Monate zuvor verschwundene Millionärstochter Emma (Adelaide Clemens, „Der große Gatsby“) entpuppt, ahnen sie noch nicht, dass sie sich mit jemand noch böserem angelegt haben. Und tatsächlich, der Namenlose übertrifft sie in seiner Grausamkeit und Gier nach Verheerung allesamt.

Luke Evans diabolischer Charakter hält laut eigener Aussage nichts von klassischen Serienkillern, sie sind in seinen Augen nur einfache, von Instinkt geleitete Trophäensammler. Er hingegen hat ein einfaches Rezept für seine recht erfolgreiche Tätigkeit als Über-Metzelnder: er genießt eben seine „Arbeit“! Was kann Massenmord doch einfach sein. In der Praxis dürfte ihm tatsächlich kaum ein (Slasherfilm-)Kollege das Wasser reichen, geht er doch seiner Beschäftigung mit solch einer Präzision nach, als wären in seinen Genen nur die tödlichsten Eigenschaften eines Michael Myers´, John Ryders und weiterer prominenter Gleichgesinnter gespeichert.

Wer denkt, der keuchende Sammler aus „The Collector“ (und „The Collection“) würde sich quasi im Gott-Modus durch Heerscharen von Opfern meucheln, der wird staunen, was der anfangs eigentlich recht sympathische Fremde – der den Titel des Films mit jeder Pore auszuleben scheint – hier auf die Beine bringt. Darüber hinaus geht er seiner Lieblingsbeschäftigung mit so viel kreativem Elan nach, dass sich der Zuschauer nicht selten ein Schmunzeln verkneifen muss, so etwa wenn er einen ausgehölten Kadaver als gemütlichen Tarnanzug (!) benutzt. Auch sonst geht es recht blutig zu, sofern man sich nicht die deutsche Version des Streifens reinzieht, doch dazu später mehr.

Genregerecht ist die Story von „No One Lives“ natürlich nur ein Paravant, um die recht gelungene Effektarbeit in Szene zu setzen. Auch kann man bei den Gegenspielern des Killers kaum von Charakterprofilen sprechen, eher von Kanonenfutter für den effektiven Totmacher. Hinzu ist kaum eine(r) unter ihnen, der beim Zuschauer Sympathie hervorrufen könnte, so dass man hier und da gewillt ist, mit dem namenlosen Terminator mit zu fiebern – sicherlich auch, weil Luke Evans seine intelligente Kampfmaschine auf eine mysteriös-anziehende Art darzustellen vermag, gänzlich anders etwa als Vinnie Jones den grobschlächtigen Fleischer in „Midnight Meat Train“.

So beschert uns Kitamura zwar keinen Film für die Ewigkeit, doch als splattrigen Slasher-Thriller für einen verregneten Sonntagnachmittag, der hier und da mit schwärzestem Humor auftrumpfen kann, reicht er vollkommen aus. Nur eben nicht für einen verregneten Sonntagnachmittag in Deutschland, da unsere allseits beliebte nationale Zensurbehörde FSK dem deutschen volljährigen Bürger diese filmische Abscheulichkeit natürlich nicht in ihrer Ur-Form zumuten wollte. Entsprechend wurden die unnötigen und verstörenden Gewaltspitzen fachgerecht entfernt und der Film hierzulande in einer etwa eineinhalb Minuten kürzeren Version veröffentlicht. Juhu, mal wieder.

Wertung: (6 / 10)

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