Milano Kaliber 9 (I 1971)

milano-kaliber-9Mit seiner bewährten Schurkenvisage fügte sich Mario Adorf („Deadlock“) glänzend in Italiens Unterwelt. In „Milano Kaliber 9“ empfiehlt er sich gleich in den eröffnenden Minuten als Bilderbuchmobster, wenn er auf der temporeich montierten Suche nach einem Geldpaket großzügig Ohrlaschen an Männlein und Weiblein verteilt, beim Barbier das Rasiermesser schwingt und die ganze Bagage an Verdächtigen mit Dynamit in die Luft jagt. Mit Rasanz aber hat es sich danach erst einmal.

Es ist die Zeit der öligen Frisuren und der lockeren Finger am Abzug. Der Italo-Western war dabei sich selbst zu überleben, also kamen südeuropäischen Produzenten Polizei- und Gangsterfilme nach Hollywoods Vorlage gerade recht. Ferdinando Di Leos („Der Teufel führt Regie“) Beitrag aber gibt sich eigen, weil er nicht „Dirty Harry“-Klon und nicht Exploiter, sondern bisweilen beachtlich differenziertes Unterwelt-Drama über den Mahlstrom des organisierten Verbrechens ist.

Der stoische Stiernacken Gastone Moschin („Der Pate 2“) rückt als frisch aus dem Kittchen entlassener Gangster Ugo ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Er nämlich soll das Geld, stolze 300.000 Dollar, entwendet haben, was den „Amerikaner“ (Lionel Stander, „The Cassandra Crossing“) erzürnt. Der schlagfertig loyale Rocco (Adorf) ist also gleich zur Stelle, malträtiert Ugo und zwingt ihn erneut in den Dienst seines Bosses. Das bringt auch Kommissar Frank Wolff („Leichen pflastern seinen Weg“) auf den Plan, der die Verbrecher für den schnellen Erfolg zur Strecke bringen will.

Dass „Milano Kaliber 9“ auf einer Ebene jenseits flüchtiger Brachial-Brutalität funktioniert, verdeutlicht bereits die Seite der Polizei. Der Kommissar will des beruflichen Prestiges wegen den „Amerikaner“ und überhört beharrlich die weisen Ratschläge eines Kollegen, der auf das weitreichende Machtumfeld des Gangsters in Industrie und Justiz verweist. Das Übel ist also weit mehr als die offensichtliche Wurzel. Dem Chefermittler ist es egal, er lässt den modernen Ermittlungsmethoden zugeneigten Schlauberger später gar in die Provinz versetzen.

Zwischen allen Fronten versucht Ugo seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. In die Affäre hineingezogen wird dabei sein Killer-Kumpan Gino (Philippe Leroy, „Der Nachtportier“), der die Angelegenheit mit Waffengewalt löst, als Rocco ihm auf die Pelle rückt. In aller Gemütsruhe zeichnet Di Leo ein unspektakuläres Bild der italienischen Gesellschaft in den aufkommenden Siebzigern. Übermäßige Action braucht es dazu nicht. Sie würde vom Wahrheitsgehalt des Kernes ablenken. Gut und Böse liegen dabei nah beieinander. Am bitteren Schlusspunkt muss dies auch Ugo feststellen. Ein veralteter, darüber aber nicht weniger beeindruckender Krimi.

Wertung: (7 / 10)

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